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REZENSION/792: Helge Döhring - Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus (SB)


Helge Döhring


Anarcho-Syndikalistinnen

Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus



Buchcover: Anarcho-Syndikalistinnen - Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus - © by Verlag Edition AV

Buchcover: © by Verlag Edition AV

Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Marxismus, Trotzkismus, Maoismus, Anarchismus, Syndikalismus, Anarcho-Syndikalismus, Feminismus, Anarcha-Feminismus ... die Liste der sogenannten "-ismen", also Ideologien, Weltanschauungen oder Lehren, derer sich politische Parteien, Organisationen, Kräfte und Bewegungen bedienen, um im Hickhack gesellschaftlicher Kämpfe die eigene Position zu behaupten und zu stärken, wurde seit dem 19. Jahrhundert lang und immer länger. Allen gemein, ob sie nun sattsam bekannt sind, eher marginal oder mit Blick auf Massenbasis und eine gesellschaftlich wahrgenommene Anhängerschaft fast als inexistent zu bezeichnen wären, ist das Bestreben, durch attraktive Versprechen und Perspektiven möglichst viele Menschen für sich zu gewinnen und davon zu überzeugen, es sei auf diesem Markt der Angebote lohnenswert, sich gerade dieser Organisation oder Partei anzuschließen.

Wer öffentlich in Erscheinung tritt mit der Erklärung, keine Lösung für die heute extrem drängenden und gänzlich ungelösten Menschheitsprobleme - um nur die Kriegsrealitäten und -gefahren, die längst eingetretenen Umwelt- und Klimakatastrophen und die sich massiv zuspitzenden sozialen Unwuchten zu erwähnen - anbieten zu können, aber großes Interesse an der Inangriffnahme all dieser Fragen habe, wird wohl kaum auf eine nennenswerte Resonanz stoßen. Dass sich die dominierenden gesellschaftlichen Kräfte inklusive der von ihnen ins ideologische Schlachtgetümmel geworfenen "-ismen" nebst all der gemachten Versprechen von Freiheit, Sicherheit, sozialer Gerechtigkeit und was der schönen Dinge mehr sind im Grunde selbst diskreditiert haben, belegt schon ein kurzer Blick in die Tagespresse.

Da könnte die Idee aufkommen, doch einmal bei den "Verlierern" der großen Kämpfe der zurückliegenden Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte nach heute verwertbaren und nützlichen Spuren und Ansätzen zu forschen, so zum Beispiel beim Anarcho-Syndikalismus. Der Sozialdemokratie entsprungen, hatte sich im 19. Jahrhundert zunächst der gewerkschaftliche Syndikalismus als zentrale Instanzen ablehnender "Lokalismus" verstanden. Daraus entstand 1901 die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVDG), die 1914, also zu der Zeit, in der die SPD zum Kriegseintritt ihren "Burgfrieden" mit dem Kaiserreich schloss, verboten wurde. 1919 schließlich benannte sich die FVDG in Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) um.

Mehr und mehr griffen SyndikalistInnen in den Folgejahren anarchistische Ideen auf nicht zuletzt deshalb, um sich gegen die nach der Russischen Revolution von 1917 auch hierzulande erstarkende kommunistische, von ihnen als zentralistisch abgelehnte Bewegung abzugrenzen. Wegen der sukzessiven Aufnahme anarchistischer Elemente war nun vom Anarcho-Syndikalismus die Rede, der sich jedoch in den deutschsprachigen Ländern politisch nicht durchsetzen konnte, was in Ländern wie Frankreich und Spanien zum Teil ganz anders aussah. Zum Begriffsverständnis sei hier kurz eingeschoben, dass damit eine "nach staaten- und klassenloser Gesellschaft auf gewerkschaftlicher Grundlage strebende bedeutsame Arbeiterbewegung" (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache - www.dwds.de) zu verstehen ist; sprich, eine Verbindung zwischen Anarchie, also Herrschaftslosigkeit, und Syndikalismus, also der Idee revolutionärer Gewerkschaften, die die Aneignung der Produktionsmittel durch die Arbeitenden und direkte Aktionen wie Streik oder Boykott propagieren, gemeint ist.

Nun ist, verfasst von dem Bremer Historiker, Literaturwissenschaftler und Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung Helge Döhring, der sich mit zahlreichen Buchveröffentlichungen zum Thema Anarcho-Syndikalismus bereits einen Namen gemacht hat, im Verlag Edition AV in der Reihe "Anarcho-Syndikalistinnen" der erste Band zum Thema "Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus" erschienen. Er bietet auch Neugierigen Gelegenheit, einmal in diese Thematik hineinzuschnuppern und dabei auch noch darüber aufgeklärt zu werden, wie es denn in der anarcho-syndikalistischen Bewegung um die Beteiligung der Frauen bestellt war. Döhring stellt klar, dass der Anteil der Frauen sehr gering war und sie "besonders auf Funktionärsebene eine deutliche Minderheit" (S. 9) darstellten. Die FAUD hatte 1920 in ihrer Blütezeit zwar 150.000 Mitglieder, doch unter ihnen auch nur eine einzige erwerbstätige Frau für das Buchprojekt zu finden, sei, so der Autor, nicht leicht gewesen. (S. 72)

Dass der Anarcho-Syndikalismus auch zu seinen besten Zeiten zumindest im deutschsprachigen Raum keine Massenbasis aufwies, die es ihm bzw. seinen ProtagonistInnen ermöglicht hätte, den vorherrschenden politischen Parteien den Rang abzulaufen, bedeutet nun nicht, dass er aufgrund seiner klaren und bedingungslosen Antikriegsposition womöglich nicht die bessere Wahl gewesen wäre. Dass sich, wer Staat, Kirche und Kapitalismus die Gefolgschaft aufkündigt, mit eben diesen auch anlegt, könnte damalige ZeitgenossInnen angesichts der massiven Repression vor einem Herzblut-Engagement abgeschreckt haben auch dann, wenn ihnen sehr wohl bewusst war, dass die seinerzeit dominierenden politischen Kräfte sehenden Auges auf Krieg zusteuerten.

Helge Döhrings Konzept zu dem vorliegenden Band bestand nun darin, die Geschichte des Anarcho-Syndikalismus und speziell die Rolle der Genossinnen in den jeweiligen historischen Epochen anhand von 28 Protagonistinnen zu erzählen, denen er je ein Kapitel, strukturiert nach Zeitabschnitten (1890er/1900er, 1920er, 1930er und 1940/50er Jahre), widmete. Dabei wollte er, wie er in der Einleitung schrieb, ein Dreifaches erreichen, nämlich 1. die Anarcho-Syndikalistinnen lebendig werden lassen, 2. in die Vielfalt anarcho-syndikalistischer Betätigungsfelder einführen und 3. die geographischen und zeitlichen Dimensionen erfassen (S. 9/10).

Ob die präsentierten Frauen tatsächlich "lebendig" geworden sind, ist eine offene Frage. Sicherlich hat der Autor in akribischer Kleinarbeit aus dem spärlich vorhandenen Quellenmaterial alle nur auffindbaren Informationen und Spuren der von ihm porträtierten Frauen zusammengetragen, um die äußerst schwierige Aufgabe, sie dem heutigen Lesepublikum nahezubringen, zu bewältigen. Hilfreich für das Verständnis der historischen und ideologischen Aspekte einer wenn auch randständigen politischen Bewegung wäre es sicherlich gewesen, hätte der Autor gleich am Anfang des Buches einleitende Begriffsklärungen vorgenommen und den angesprochenen Zeitepochen einen allgemeinen Einblick in den Anarcho-Syndikalismus mit seinen jeweiligen historischen Bezügen vorausgeschickt.

Das bedeutet keineswegs, dass das Werk nicht als Einstiegshilfe in Ideologie und Geschichte des Anarcho-Syndikalismus zu nutzen wäre, hat doch Döhring in viele Kapitel dementsprechende Ausführungen einfließen lassen. Genaugenommen bestehen diese aus drei Erzählebenen - diejenige, die sich unmittelbar auf die jeweilige Protagonistin und die über sie erhalten gebliebenen Informationen bezieht, dann Erläuterungen, die ihr Betätigungsumfeld betreffen, also beispielsweise Schilderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen in dem Stadtteil, in dem sie gewohnt hat, oder der Organisation, in der sie tätig war, und schließlich Textpassagen, in denen der Verfasser die Zusammenhänge gemäß seiner eigenen pro-anarchosyndikalistischen Positionierung erläutert.

Dies führt zu der Frage, inwiefern die Beschäftigung mit einer politisch-historischen Bewegung bzw. Ideologie, die dem sogenannten Mainstream kaum ferner sein könnte, heute von Interesse sein kann. Direkt äußert sich der Autor dazu nicht, doch am Ende des 21. Kapitels, der 1908 geborenen Martha Wüstemann und den deutschen Anarchosyndikalisten im Exil gewidmet, stellt er im Anschluss an folgende, 1993 anlässlich ihres Todes von Hans-Jürgen Degen verfassten Zeilen die Frage: "Ein Schlüssel für heute?"

In allem, was sie tat, war sie getrieben von ihrem unerschütterlichen Glauben an 'das Gute im Menschen'. Auch wenn sie hart gegen ihre politischen Gegner vorging, war es doch ihre Absicht, diese zu 'gewinnen'. Ihnen versagte sie nie ihre menschliche Solidarität. Ihren Feinden gewann sie immer noch Positives ab. [...] Marthas Toleranz war fast grenzenlos. Wer jahrelang in einigen Fragen gegensätzliche Meinungen vertrat, konnte diese Toleranz erleben: hart verteidigte sie ihre Positionen, oft ohne inhaltliche Kompromisse, aber immer die kontroverse Meinung respektierend. Eine Charaktereigenschaft, die sie so schmerzlich bei den meisten heutigen Libertären vermisste.
(S. 253, zitiert aus: Hans-Jürgen Degen: ... und ich hatte auch keine neun Leben, nur eines - und das ging zuende. Zum Tode von Martha Wüstemann, in: Direkte Aktion Nr. 97, 1993) 

Der hier erwähnte "Glaube an das 'Gute im Menschen'" ist ideologisch keineswegs atypisch für den Anarcho-Syndikalismus, auch wenn die große Nähe zu religiösen Inhalten bei einer so kirchen- und religionskritischen Position irritierend wirkt. Tatsächlich tauchen bei der Beantwortung der Frage, wie denn im Anarchismus, also ohne Staat und Kapital, das Zusammenleben der Menschen zu organisieren sei, immer wieder Rückgriffe auf jenseitige Sphären oder schlicht Wunschvorstellungen auf, wenn es beispielweise heißt, dass freie Menschen in einer freien Gesellschaft solidarisch zusammenleben würden. Hinweise dieser Art sind an vielen Stellen des Buches zu finden; auch die "freie Liebe" wurde von einigen Protagonistinnen lange vor der 1968er Bewegung propagiert.

Die für den Anarcho-Syndikalismus zentrale Annahme, der Mensch an sich sei "gut", so als hätten staatliche und kapitalistische Herrschaftsstrukturen ohne Beteiligung welcher Menschen auch immer das "Böse" in die Welt bzw. Gesellschaft gebracht, macht den hohen Stellenwert nachvollziehbar, der hier auf Bildung, Kultur und Erziehung gelegt wird - schließlich soll dem gesellschaftlich dominierenden "Untertanengeist" Paroli geboten und ein "neuer" Mensch geschaffen werden, der weder nach unten zu treten noch sich nach oben zu beugen bereit ist. Allem Anschein nach wurde in der anarcho-syndikalistischen Bewegung dafür den Frauen eine besondere Rolle zugeordnet und von ihnen auch angenommen. Wie aus Döhrings Schilderungen hervorgeht, haben sich die Anarcho-Syndikalistinnen ungeachtet dessen, dass sie sich häufig sehr stark für Frauenrechte und Frauenfragen eingesetzt haben, nicht als Feministinnen, sondern voll und ganz als Anarchistinnen verstanden.

Wie wenig in Sachen Frauenrechte und Gleichberechtigung seitdem tatsächlich erreicht wurde, lässt sich schon daraus ableiten, dass Hausarbeit bis heute nicht als Beruf anerkannt und somit bezahlt wird - was vor gut 100 Jahren schon eine von der syndikalistischen Bewegung, die die Hausfrauen den in Lohnarbeit stehenden Frauen gleichstellen wollte, erhobene Forderung war. In der FAUD wurde insgesamt die Auffassung vertreten, dass Frauen und Männer gemeinsam eine freie Gesellschaft erkämpfen, in der sie als freie Menschen solidarisch zusammenleben. So verheißungsvoll derlei Visionen sein mögen, bleibt doch festzustellen, dass Anspruch und Wirklichkeit auch bei so hoch ambitionierten Vorkämpferinnen und Vorkämpfern einer lebenswerten freien Gesellschaft weit auseinanderklafften.

Anfang der 1920er Jahre waren in der FAUD Syndikalistische Frauenbünde entstanden ganz im Sinne der ideologischen Maxime und taktischen Einsicht, dass der Kampf um die Freiheit ohne die Beteiligung der Frauen nicht zu gewinnen ist. Tatsächlich jedoch bemängelten die Genossinnen, dass sie "von den Männern nicht genug Unterstützung erhielten" (S. 96/97). Traudchen Caspers, der der Autor zusammen mit ihrer FAUD-Mitgenossin Eva Fößel Kapitel 6 des Buches gewidmet hat, erklärte 1925 auf dem 15. Kongress der FAUD zur Rolle der Genossinnen als Hausfrauen in aller Deutlichkeit:

Wir machen immer wieder die Erfahrung, daß die Männer auch in unserer Bewegung die Frau nur als Sklavin, Magd und Gebärmaschine betrachten, nicht als Menschen und Kameraden. Das ist eine Haltung, die auch unserer Bewegung schadet, denn die Frau hat einen viel größeren Einfluß als viele Männer glauben. Stoßen wir die Frauen ab, dann werden sie zum Hort der Reaktion, leicht beeinflußbar durch Kirche und Staat. Die Frau erzieht die Kinder, darum ist es besonders wichtig, daß sie als Kameradin des Mannes im Geiste des Syndikalismus lebt. (S. 76) 

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass es den Frauen bis 1908 durch das preußische Vereinsgesetz von 1850 verboten war, politischen Vereinen beizutreten und an ihren Sitzungen überhaupt teilzunehmen, und erst 1918 wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Ein solches Zitat - wohlgemerkt einhundert Jahre alt - sollte nicht von heutigen frauenbewegten und genderbewussten Standpunkten aus vorschnell abqualifiziert werden, wenngleich manche der von Anarcho-Syndikalistinnen zur Zeit der damaligen Frauen- bzw. Frauenrechtsbewegung vertretenen Auffassungen heute einfach befremdlich wirken. So hieß es beispielsweise in der zum Frauentag im September 1924 erschienenen Ausgabe der offiziellen Zeitung des Syndikalistischen Frauenbunds "Der Frauen-Bund":

Die Urzelle der Gesellschaft ist die Familie. Wie die Familie beschaffen ist, so auch die Gesellschaft. Wenn wir die Gesellschaft ändern wollen, müssen wir an dem Fundament, der Familie anfangen. Hier ist der Wirkungskreis der Frau. In ihrer Möglichkeit liegt es, eine neue Moral, die der gegenseitigen Hilfe und brüderlichen Solidarität, im Schoße der Familie vorzubereiten. (S. 100) 

Wie wenig in Sachen Frauenrechte und Gleichberechtigung tatsächlich erreicht wurde, lässt sich schon daraus ableiten, dass Hausarbeit bis heute nicht als Beruf anerkannt und somit bezahlt wird. Schon vor über hundert Jahren hatte sich, so schreibt Döhring, unter den Frauen im Anarcho-Syndikalismus die Auffassung durchgesetzt, dass sie sich vor allem im Reproduktionsbereich organisieren sollten - wozu die bereits erwähnten Frauenbünde gegründet wurden. Dass sich die SyndikalistInnen für die volle gesellschaftliche Anerkennung der Hausfrauenarbeit stark machten, könnte auch an der besonderen Rolle gelegen haben, die sie Frauen in Haus und Familie bei der Entstehung des "freien" Menschen zugeschrieben haben. Hertha Barwich, Geschäftsführerin der Föderation der Syndikalistischen Frauenbünde, schrieb im August 1925 im "Frauen-Bund":

Wir Syndikalisten werten aber die Hausfrauenarbeit ebenfalls als eine gesellschaftlich notwendige und nützliche Tätigkeit und räumen diesen Hausfrauenbünden gleiche Rechte mit allen Berufs- und Industrieorganisationen ein. Es ist dies eine ganz neue Anschauung, die von keiner anderen Richtung bisher anerkannt wird. (S. 100) 

Hier fällt ins Auge, dass sich eine führende anarcho-syndikalistische Funktionärin mit der Verwendung des Begriffs "gesellschaftlich notwendige Tätigkeit" - einzige Abweichung vom Begriff aus der marxistischen politischen Ökonomie ist "Tätigkeit" statt "Arbeit" - in ideologischer Hinsicht ganz ähnlich ausgedrückt hat wie der kommunistische politische Gegner. Obwohl sowohl die syndikalistische, später anarcho-syndikalistische als auch die kommunistische Bewegung der Sozialdemokratie entsprungen waren und sich mit ihr überworfen hatten, waren sie einander spinnefeind. Diese Auseinandersetzungen haben auch in dem vorgestellten Band Spuren hinterlassen. So schreibt Helge Döhring, hier ganz Partei und keineswegs ein Historiker, der aus der Warte nachträglicher Betrachtung distanzierte Bewertungen vornimmt, über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg:

Zu allem Überfluss entstand aus dem Marxismus heraus eine neue Richtung innerhalb der Arbeiterbewegung. Deren Kopf formierte sich als KPD. Unter ihrer Kuratel entstanden für die FAUD unnötige betriebliche Konkurrenzorganisationen, die sogenannten 'Arbeiter-Unionen'. Diese absorbierten zunächst ein enormes proletarisches Protestpotenzial, was der FAUD zugestanden hätte. (S. 75/76) 

Wie ging es mit der FAUD weiter? 1914 zählten ihre nur wenigen tausend Mitglieder zu den entschiedensten Kriegsgegnern. Nach dem Ersten Weltkrieg war ihre Mitgliederzahl auf 100.000 angewachsen, 1920 waren es sogar 150.000. Doch eine millionenstarke AnhängerInnenschaft erreichte sie nie. Die Mitgliederzahlen begannen sogar zu sinken. Bis 1933 konnte die FAUD nicht ein Zehntel ihrer Mitglieder halten. Vergeblich forderte sie die übrigen Parteien und Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Namentlich die Sozialdemokraten, schreibt Döhring, wollten lieber abwarten und sich mit den Nazis arrangieren. (S. 169) Dem Verfolgungsdruck des NS-Staates konnte die FAUD nicht länger standhalten, 1933 wurde sie aufgelöst. Es entstanden illegale Strukturen, etliche Mitglieder gingen ins Exil. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dachte niemand mehr an eine Neugründung. Die Überledenden verstanden sich nun als "Ideengemeinschaft".

Unterm Strich sind die in diesem Band geschilderten Spuren, Hinweise, Begebenheiten und persönlichen Lebensgeschichten der historischen Erwähnung und Erinnerung wert, was das vorliegende Werk lesenswert macht schon allein deshalb, weil in ihm eine umfangreiche Quellensicherungsarbeit geleistet wurde. Freilich sollte nach Auffassung der Rezensentin nicht unerwähnt bleiben, dass der Band allen zu empfehlen ist, die sich für die Geschichte und Geschichten der Frauen im Anarcho-Syndikalismus interessieren, dass sich aber die Aufgabe, darüber hinaus Interesse bei Uneingeweihten zu wecken, als eine schwer zu bewältigende erweisen dürfte. Dass die MitstreiterInnen der anarcho-syndikalistischen Bewegung zu den entschiedensten GegnerInnen der bisherigen Weltenbrände gehörten, bietet in einer Zeit, von der zu befürchten steht, dass spätere HistorikerInnen sie als die finale Vorbereitungsphase in den Dritten Weltkrieg bezeichnen werden, Anlass genug, ihrer zu gedenken.

7. November 2025



Helge Döhring
Anarcho-Syndikalistinnen
Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus
Band 1 der Reihe "Anarcho-Syndikalistinnen"
Verlag Edition AV, Bodenburg 2025
300 Seiten
ISBN 978-3-86841-329-8
 
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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