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BERICHT/113: Urbane Gesundheit als Herausforderung - schleichende Schäden, beiläufige Chancen ... (SB)



Urbane Gesundheit als Herausforderung

von Julia Barthel

Bereits im 19. Jahrhundert erkannten die Ärzte Louis-René Villermé und Rudolf Virchow, welche Bedeutung ein gut funktionierendes Gesundheitssystem für die Gesellschaft hat. Im Angesicht von Seuchen wie Cholera und Typhus und gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen für Kinder, wurden sie zu Pionieren der öffentlichen Gesundheit. Sie forderten den Aufbau von Krankenhäusern in ärmeren Stadtteilen, eine betriebliche Krankenversorgung und Gesetze zur Regulierung von Kinderarbeit in Fabriken. Ihnen war klar, dass hygienische Maßnahmen und eine durchdachte Planung von städtischen Lebensräumen entscheidend sind, um den Ausbruch und die Ausbreitung von Epidemien zu verhindern und sie kämpften dafür, dieses Bewusstsein in die Öffentlichkeit zu tragen. Rudolf Virchow forderte sogar, die Medizin zu einer sozialen Wissenschaft zu machen. Heute haben sich die Probleme und Risiken, die mit dem Leben in großen Städten verbunden sind, noch verschärft, denn inzwischen wohnen 54 % der Menschen auf der Erde in der Stadt und nach aktuellen Schätzungen werden es im Jahr 2030 zwei Drittel der Menschheit sein. Mit der rasanten Urbanisierung unserer Welt kamen zudem neue Risikofaktoren ins Spiel, die schwer zu bekämpfen sind, weil man sie nicht sehen und manchmal kaum messen kann: Luftverschmutzung und sozialer Stress sind aus dem modernen Großstadtleben kaum noch weg zu denken und zu unsichtbaren Bedrohungen für unsere Gesundheit geworden. Das Centre Virchow-Villermé in Berlin setzt sich im Geiste seiner Namensgeber dafür ein, dass Ärzte und Wissenschaftler sich im internationalen Verbund für die Erforschung dieser neuen und komplexen Probleme engagieren. Auf der Konferenz "Urban Health: concepts, consequences and challenges for health in large cities" wurden nicht nur aktuelle Forschungsprojekte zu den Themen Luftverschmutzung und sozialer Stress vorgestellt, sondern auch Restriktionen in Politik und Stadtplanung diskutiert, welche die Forschung und Prävention auf diesen Gebieten erschweren sowie Lösungsansätze für eine neue Stadtplanung gezeigt, die teilweise quer zur konventionellen Stadtentwicklung liegen.


Luftverschmutzung als unsichtbare Gefahr

Luftverschmutzung ist in Städten seit der Industrialisierung zu einem der größten Risiken für die Gesundheit geworden. In eindrucksvollen Bildern wurde beispielsweise die große Smog-Katastrophe von 1952 in London dokumentiert, als Rauch und Rußpartikel aus Industrieschloten und Kohleöfen die Millionenstadt tagelang in einen giftigen Nebel hüllten, der zahlreiche Todesopfer forderte. Seither trägt die Stadt den Beinamen "The Big Smoke" und in Paris musste 2014 ein drastisches Fahrverbot verhängt werden, weil Feinstaub-Partikel sich über Tage zu einer gefährlichen Wolke verdichtet hatten. Obwohl wir in modernen Großstädten die Industrie weitgehend an den Stadtrand verlegt und Kohleöfen durch Fernwärme Kraftwerke oder erneuerbare Energiequellen ersetzt haben, ist die Verminderung von Luftverschmutzung immer noch ein zentrales Thema in urbanen Zentren auf der ganzen Welt. Dr. Regina Pickford vom Helmholtz Zentrum München befasst sich im Rahmen des europaweiten AWAIR Projekts nicht nur mit den gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, sondern untersucht auch, mit welchen Methoden man die Luftqualität in Städten sinnvoll prüfen und verbessern kann. In ihrem Vortrag legte sie den Schwerpunkt auf Feinstaub-Partikel, die neben Stickstoffoxiden (NOx) zu den Hauptursachen für schlechte Luftqualität gehören. Bekannt ist, dass der wachsende Verkehr in Großstädten, das Heizen unserer Häuser und nach wie vor die Industrie und Landwirtschaft, nicht versiegende Quellen für Feinstaub sind. Weniger bekannt ist, dass Feinstaub nicht gleich Feinstaub ist, denn das komplexe Gemisch fester und gasförmiger Partikel kommt in ganz unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen und Größen vor.

In den Richtlinien zur Messung und Eindämmung von Feinstaub-Partikeln geht es zumeist um sogenannte PM 10 und PM 2,5 Partikel (PM = particulate matter), mit einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer oder feiner, die nach ihrer Größe eingeteilt werden. Trotz der Tatsache, dass diese Partikel für uns kaum oder gar nicht sichtbar sind, können sie langfristig schwere gesundheitliche Schäden anrichten. Während die PM 10 Partikel hauptsächlich in den oberen Atemwegen von Mund und Nase stecken bleiben und in erster Linie Reizungen auslösen, können die feineren PM 2,5 Partikel bis in die Bronchien und Lungenbläschen vordringen, wo sie dauerhafte Schleimhautreizungen und Entzündungen verursachen und damit chronische Erkrankungen wie Asthma begünstigen. Eine dritte und bislang vernachlässigte Kategorie bilden jene ultrafeinen Feinstaub-Partikel, die mit einem Durchmesser von weniger als 1 Mikrometer bis in die Tiefen des Lungengewebes und des Blutkreislaufs vordringen. Dort können sie zu einer Plaque Bildung in den Blutgefäßen führen, Schlaganfälle und Herzinfarkte auslösen und sogar die Funktion des vegetativen Nervensystems beeinträchtigen. Feinstaub-Partikel sind in mehrfacher Hinsicht ein besonders perfides Risiko für die Gesundheit von Stadtbewohnern:


Foto: © 2016 by Schattenblick

Smog über Kassel im Februar 2016
Foto: © 2016 by Schattenblick

Mit einem Durchmesser von nur 10 bis unter 1 Mikrometer sind sie für das bloße Auge nicht zu erkennen und nur mit großem Aufwand zu messen. Das gilt besonders für den Zusammenhang zwischen Feinstaub-Emissionen und Risiken für die Gesundheit, denn der kann nur indirekt über die Auswirkungen des Einatmens von Feinstaub-Partikeln erkannt werden. Obwohl allein im Jahr 2014 etwa 50.000 Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung verstorben sind, handelt es sich dabei nur um die Spitze des Eisberges. Auch Krankenhausaufenthalte und Besuche in der Notaufnahme wegen Atemwegserkrankungen steigen bei erhöhten Konzentrationen von Feinstaub schon innerhalb weniger Stunden an. Die negative Wirkung der Feinstäube auf unsere Gesundheit wurde inzwischen in epidemiologischen Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nachgewiesen. Aus diesen Studien geht auch hervor, dass Feinstaub selbst bei einer dauerhaften, geringen Konzentration in der Luft seine schädliche Wirkung entfaltet. Es gibt also keine Grenze, unterhalb derer Feinstaub für die Menschen in der Stadt kein Risiko darstellen würde. Darin unterscheidet er sich von Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid, für die man einen klaren Grenzwert festlegen kann. Experten wie Dr. Regina Pickford fordern deshalb, dass ein besonderes Augenmerk auf die ständige Konzentration von Feinstaub-Partikeln in unserer Atemluft gelegt und geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um dieses Gesundheitsrisiko nachhaltig zu bekämpfen. Damit diese Forderung in der Politik und den Stadtverwaltungen durchgesetzt werden kann, brauchen die Forscher aber greifbare Fakten für ihre Argumentation, denn die nötigen Veränderungen im Verkehrssystem, bei der Energieversorgung und anderen Emissionsquellen sind aufwändig und kostenintensiv. Eben diese Fakten sind jedoch nicht so leicht festzumachen, wie es statistisch wünschenswert wäre, denn die Verbindung zwischen Luftverschmutzung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verläuft zumeist auf komplexen Pfaden, die nicht die Bedingung einer einfachen Ursache-Wirkungskette erfüllen. Hinzu kommt, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen im gleichen Maße von der Feinstaub-Belastung betroffen sind, denn es sind in erster Linie Kinder, schwangere Frauen und ältere Menschen, die mit den gesundheitlichen Folgen zu kämpfen haben. Daraus lassen sich kaum pauschale Argumente und Grenzwerte für die gesamte Bevölkerung einer Stadt ableiten. Besonders die ultrafeinen Partikel bedürfen dabei eigentlich besonderer Aufmerksamkeit, werden aber nicht überall gemessen und registriert. Es gibt ein unglückliches Zusammenspiel: Auf der einen Seite ein klassisches, wissenschaftliches Problem, konstante und reproduzierbare Messungen von etwas vorzunehmen, das sich mit der Wetterlage, den aktuellen Verkehrsverhältnissen, dem Standort und sogar mit der Temperatur ständig verändert. Auf der anderen Seite die politischen Richtlinien, nach denen ultrafeine Partikel noch nicht in der Weise als Gesundheitsrisiko eingestuft wurden, wie PM 10 und PM 2,5 Partikel. Die moderne Stadt ist ein komplexes System, das seine eigenen blinden Flecken produziert.


Macht die Stadt uns verrückt?

Mit einer weiteren, unsichtbaren Bedrohung für unsere Gesundheit in der Stadt befasst sich das junge Forschungsfeld der "Neurourbanistik". Jonas Schöndorf kommt aus dem Feld der klinischen Psychologie und hat sich schon während seines Studiums tiefer mit dem Thema "sozialer Stress" auseinandergesetzt. An der Charité - Universitätsmedizin Berlin arbeitet er nun mit einem interdisziplinären Team aus Neurowissenschaftlern und Stadtplanern daran, die Zusammenhänge zwischen dem Leben in der Stadt und psychologischer Gesundheit zu erforschen. Mit der provokativen Frage "Macht die Stadt uns verrückt?" stieg Jonas Schöndorf in seinen Vortrag ein und spielte damit auf neue Erkenntnisse an, nach denen für Stadtbewohner das Risiko für Depressionen um das 1,4 Fache und für Angststörungen um das 1,2 Fache erhöht ist, wenn man es in den Vergleich mit Land- oder Kleinstadtbewohnern stellt. Auch die Gefahr, an Schizophrenie zu erkranken, ist für Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind, etwa 30 bis 40 Prozent höher als für Personen, die weniger Zeit ihres Lebens in der Stadt verbracht haben. Bevor man nun aber vor seinem inneren Auge das Bild einer seelenzerfressenden Großstadt heraufbeschwört, die als Lebensraum einfach nicht geeignet ist, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Ursachen des Problems. Zunächst einmal sind Städte im Grunde nichts anderes als Ballungsräume, in denen sich alle Vor- und Nachteile des menschlichen Zusammenlebens auf engerem Raum und in einer schnelleren Frequenz abspielen als anderswo. In Berlin, der größten Stadt Deutschlands, leben statistisch gesehen rund 3.900 Menschen auf einem Quadratkilometer und in den Innenstadtbezirken ist es noch etwas enger. Die oben genannten seelischen Erkrankungen sind zum einen Teil erblich bedingt, zum anderen Teil jedoch auch stressabhängig. Ob eine psychische Krankheit wie Schizophrenie, Depression oder eine Angststörung tatsächlich ausbricht und in welchem Ausmaß sie das Leben der Betroffenen beeinträchtigt, hängt auch damit zusammen, inwiefern ein Mensch ständigem Stress ausgesetzt ist. Stress ist im Grunde nichts anderes als eine Reaktion auf Bedrohungen, die sich vor Urzeiten in unserem Hirn entwickelt und einprogrammiert hat. Sobald wir etwas als Bedrohung wahrnehmen, versetzt das Gehirn den Körper in Alarmbereitschaft und bereitet damit zwei mögliche Reaktionen vor: Flucht oder Kampf. Diese Stressreaktion schlägt sich in unserer Körperchemie so deutlich nieder, dass man sie anhand von verschiedenen Indikatoren messen kann. So veranlasst das Hirn im Angesicht einer Bedrohung die Ausschüttung von Hormonen wie Cortisol und Adrenalin, fährt die Atemfrequenz und den Blutdruck hoch und versetzt uns damit in die Lage, die Flucht anzutreten oder uns dem Kampf zu stellen. Das Problem ist, dass unser Gehirn dabei nicht zwischen einer realen und einer vermeintlichen Bedrohung unterscheidet. Im Alltagsleben der Großstadt ist man eigentlich selten in einer Situation, bei der es um Leben und Tod geht. Der Stressalarm kann aber schon durch zu laute Musik vom Nachbarn, erdrückende Enge in der U-Bahn oder das Gefühl von Kontrollverlust in einer Menschenmenge ausgelöst werden. Der Psychiater und Stressforscher Dr. med. Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereichs "Affektive Störungen" an der Charité - Universitätsmedizin Berlin formuliert es so: "Unsere Hirne scheinen nicht optimal designt zu sein für das Leben in unseren wachsenden Metropolen." (Quelle: Der Tagesspiegel, "Warum sind die Berliner, wie sie sind?: Berlin verändert das Gehirn", online abgerufen am 03.07.2018)


Stadtverkehr am Abend - Foto: © 2015 by Schattenblick

Alltäglicher Streß in der Stadt
Foto: © 2015 by Schattenblick

Hinzu kommt, dass wir im Stadtleben häufig mit einem paradoxen Effekt konfrontiert sind, denn Stress wird sowohl durch soziale Dichte als auch durch soziale Isolation ausgelöst, denen wir in der Großstadt abwechselnd oder sogar zur gleichen Zeit ausgeliefert sind. Man kann diese Situation anhand eines ganz einfachen und aktuellen Beispiels verstehen: Städte in ganz Europa sind in den letzten Jahren zunehmend zu Anlaufstellen für Flüchtlinge geworden. Dort, wo die Integration nicht schnell genug greift oder fehlschlägt, leben geflüchtete Menschen oft unter sehr engen Bedingungen zusammen.

Viele von ihnen sind durch Kriegserlebnisse und Flucht traumatisiert, während sie gleichzeitig mit sprachlichen und kulturellen Hindernissen kämpfen, die sie vom sozialen Umfeld in der neuen Stadt isolieren. Sie haben weder die Möglichkeit, sich der sozialen und räumlichen Enge zu entziehen, noch ihre Sorgen und Nöte zu kommunizieren. Hinzu kommt der Faktor einer extremen Armut, durch die viele Flüchtlinge kaum Zugang zu all den Vorteilen haben, die das Leben in der Stadt zu bieten hat: die zahlreichen Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung, Zugang zu Bildung, guter medizinischer Versorgung oder kulturellen Angeboten bleiben Menschen mit Migrationshintergrund oft verschlossen. Ohne die Möglichkeit, sich diesen Lebensbedingungen zu entziehen und ohne jedes Ventil, führt die toxische Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolation zu akutem und chronischen Stress. Dieser Stress kann sogar ganze Quartiere befallen. Wo die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund nicht gelingt und der Großteil der Einwohner zudem unter Armut leidet, kann das die soziale Kohäsion in einem Viertel zerfressen und das soziale Misstrauen untereinander verschärfen. Das ist dann ungefähr so wie eine Wohnumgebung, in der man ständig den Lärm der Nachbarn durch die dünnen Wände hört aber sonst keinen Kontakt zu ihnen hat. Sie verursacht Stress für alle Beteiligten.

Diese Situation betrifft aber keineswegs nur Personen mit Migrationshintergrund. In unseren wachsenden Städten werden in Zukunft auch Bevölkerungsgruppen wie alte oder kranke Menschen in zunehmendem Maß unter bislang kaum erforschten Formen und Wirkungen von städtischem Stress leiden, ohne dabei Zugang zu den Annehmlichkeiten des urbanen Lebens zu haben. Höchste Zeit also, die Auslöser für Stadtstress zu erforschen, herauszufinden warum er uns unter die Haut geht und wie wir die gebaute und gelebte Umwelt der Großstadt für alle Bewohner angenehmer machen können. Dr. med. Mazda Adli sieht darin sowohl ein soziales Thema als auch einen politischen Auftrag und hat, gemeinsam mit der Alfred Herrhausen Gesellschaft in Berlin, das interdisziplinäre Forum "Neurourbanistik" begründet. Diese junge Wissenschaft vom Wechselspiel zwischen gebauter und sozialer Umwelt einerseits und psychischem Befinden, Emotion, Verhalten und Gedanken andererseits, nimmt die bislang nur gefühlte Bedrohung durch urbanen Stress genauer unter die Lupe. Ähnlich wie bei dem Problem der Luftverschmutzung haben die Forscher es hier mit einem komplexen System zu tun, das ständig in Bewegung ist. Die Herausforderung besteht darin, dass Experten für die Stadt und Spezialisten für Gesundheit ihre unterschiedlichen Perspektiven auf unser Leben in der Großstadt zusammenbringen, um daraus ein besseres Gesamtbild und Empfehlungen für die Zukunft zu gewinnen. Erste Forschungsergebnisse zu urbanem Stress kann man in der Zwischenzeit in dem Buch zum Thema "Stress and the City" nachlesen, in dem Dr. Mazda Adli einen Aufschlag zu der Frage macht, ob Städte uns krank machen und warum sie trotzdem gut für uns sind.


Die Stadt mit den Ohren erkunden

Während auf der einen Seite negative Aspekte und gesundheitliche Risiken immer deutlicher werden, die aus den gegenwärtigen Stadtstrukturen entstehen, gibt es auf der anderen Seite schon junge Forscher*Innen und Initiativen mit neuen, partizipativen und sensorischen Ideen für eine gesunde Stadtentwicklung. So ist es nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern eine laute Tatsache, dass der Lärmpegel in europäischen Städten in den letzten Jahren stark angewachsen ist und Ruhe zunehmend zum Luxusgut wird. Lärm durch Verkehr, Bauarbeiten oder eben durch Tätigkeiten unserer städtischen Mitbewohner kann Stress auslösen und krank machen, wenn es keine Möglichkeit gibt, ihm aus dem Weg zu gehen. Die Stadtplanungsarchitektin Antonella Radicchi sagt, das liegt daran, dass unsere Städte an vielen Plätzen nur mit dem Auge geplant wurden. Sie hat sich hingegen angewöhnt, die Stadt mit den Ohren zu erkunden. Auf der Suche nach ruhigen Orten, die nicht unbedingt ganz still, sondern von Geräuschen erfüllt sind, die wir als angenehm empfinden.


Foto: © 2017 by Schattenblick

Park in Hamburg-Harburg
Foto: © 2017 by Schattenblick

Aus dieser Erkundung von angenehmen "Soundscapes" hat sie an der TU-Berlin ein Forschungsprojekt entwickelt, an dem die Bürger und Bürgerinnen der Stadt durch eine kostenlose App teilhaben können. Sie heißt "Hush City", die stille Stadt. Jeder kann von seinem Smartphone aus einen ruhigen Ort markieren, den er auf seinen Wegen durch die Stadt findet, und dazu die Geräuschkulisse der Umgebung aufnehmen und ein Foto hochladen. Ein wichtiges Ziel des Projekts besteht darin, ein Netzwerk von Orten zusammen zu stellen, dass sich über die gesamte Stadt erstreckt und in dem jeder dort, wo er lebt und arbeitet, ein ruhiges Plätzchen finden kann. Eine große Schwäche der konventionellen Planung von Ruhezonen und Erholungsorten liegt nämlich darin, dass viele ruhige Orte wie größere Parks oder der Tiergarten in Berlin nicht für jeden zu Fuß erreichbar sind. Aus diesem Grund wurde das Projekt "Hush City" von Anfang an auf Partizipation und Zugang ausgelegt, denn hier geht es um eine Stadtgestaltung, in der die Meinung und Reichweite aller Bewohner das gleiche Gewicht haben sollen. Dabei macht sich die Architektin Antonella Radicchi für drei Grundsätze stark. Erstens: Der Experte ist die Gemeinde der Stadtbewohner. Zweitens: Ruhe ist ein Grundrecht. Drittens: Technologie ist nur ein Medium - kein Mittel zur Überwachung. Diese Prämissen machen deutlich, dass hinter dem Projekt auch eine politische Positionierung steckt. Sie fordert das Recht aller Stadtbewohner auf Orte der Ruhe ein und stellt sich einer Stadtplanung entgegen, in der solche Räume oft ein exklusiver Zug besser gestellter Quartiere sind. Am Ende werden die gesammelten Daten aus der "Hush City App" öffentlich gemacht und sowohl Stadtplanern als auch Nachbarschaftsinitiativen und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, um dem Ziel einer ruhigeren Stadt für alle näher zu kommen.


Tempelhofer Feld im Abendlicht - Foto: © 2014 by Schattenblick

Tempelhofer Feld in Berlin
Foto: © 2014 by Schattenblick


Wilde Freiräume in der Stadt

Um Zugang geht es auch in dem Projekt "Naturerfahrungsräume in Großstädten am Beispiel Berlin" und zwar zu etwas, das den Landmenschen von uns ganz selbstverständlich erscheint: im Matsch spielen, Staudämme bauen, Frösche fangen oder Käfer um die Wette laufen lassen und das alles ohne ständige Kontrolle durch Erwachsene. Kinder, die eine Chance bekommen, die Natur, und alles was darin lebt, in Ruhe kennen zu lernen, werden dadurch nachhaltig geprägt. Es ergibt sich sozusagen von selbst, dass sie auch als Erwachsene achtsamer mit Naturräumen umgehen, weil Tiere und Pflanzen einfach ein wichtiger Bestandteil ihrer Welt sind. Aus vielen großen Städten sind diese wilden Naturräume heute jedoch nahezu verschwunden und damit auch der freie Bewegungsraum für Kinder. In unserer modernen Welt mit all ihren virtuellen Realitäten, Spielzeugen und Spielplätzen leiden sie unter einem Mangel an körperlichen Freiräumen und Reichweite und ihr Wissen über die Natur hat sich dramatisch verschlechtert. Schon in den 1990er Jahren wurde daher das Konzept der "Naturerfahrungsräume" entwickelt, um die wilden Freiräume wieder in die Textur der Stadt einzuschreiben. Der Naturerfahrungsraum ist mittlerweile sogar als eigene Grünflächenkategorie im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) verankert, doch nun gilt es, praktische Erfahrungen zu sammeln. Unter der Leitung der Stiftung Naturschutz Berlin läuft ein Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben auf drei Pilotflächen, die noch einen sehr naturnahen, teilweise fast wilden Charakter haben: der Spieroweg in Spandau, eine Moorwiese in Pankow und der Kienberg in Marzahn-Hellersdorf werden zur sogenannten "Playstation unplugged". Unplugged sind sie deswegen, weil es dort eben keine Spielgeräte, asphaltierten Wege, Gebäude oder sonst irgendeine Infrastruktur gibt, dafür aber so viel wilden Bewuchs wie möglich und Freiraum zum Spielen. Erste Erfahrungen und Vergleiche mit konventionellen Spielplätzen zeigen, dass die Kinder in einer solchen Umgebung ganz andere Formen des Spiels entdecken: Sie spielen viel häufiger mit anderen Kindern zusammen und entwickeln dabei hochkomplexe Spiele, die ihrer eigenen Fantasie entspringen. Das wirkt sich auch positiv auf die Konzentration aus, denn einmal mit der eigenen Welt verbunden, bleiben die Kinder viel länger bei der Sache und lassen sich kaum ablenken.

Wer an die eigene Kindheit im Dorf oder im großen Garten zurückdenkt, wird sich an diese Art von selbstvergessendem Spiel und all die Entdeckungen erinnern, die einen oft bis zur Abenddämmerung draußen in der Natur festgehalten haben. Natürlich muss auch dieses Erfahrungswissen durch gezielte Beobachtungen und nachvollziehbare Daten belegt werden. Denn Naturwildnis und Brachflächen stehen in direkter Konkurrenz zur Innenverdichtung der Städte, der angesichts von wirtschaftlichen Erwägungen allzu oft den Vorzug vor Freiraum gegeben wird. Deswegen wird das Pilotprojekt in Berlin über die gesamte Laufzeit von drei Jahren von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde wissenschaftlich begleitet. In der Praxis und in den Köpfen setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass gebaute Strukturen und eine dichte urbane Umwelt oft mehr Probleme verursachen als sie zu lösen versprechen. Es gibt eine neue Generation von Forschern und Stadtplanern, die weiß, dass eine Stadt auch wilde Freiräume braucht und sensorische Qualitäten wichtiger findet als das nächste, hochmoderne Gebäude oder die schnellste mögliche Verkehrsverbindung von A nach B. Sie werden sich in den kommenden Jahren der Herausforderung stellen müssen, städtebauliche Standards und politische Restriktionen zu überwinden. Ähnlich, wie Louis-René Villermé und Rudolf Virchow es taten, um hygienische und soziale Maßnahmen in der Stadtplanung des 19. Jahrhunderts zu verankern.


Quellenangaben:

Urbane Gesundheit als Herausforderung:

http://habitat-unit.de/
https://virchowvillerme.eu/
https://virchowvillerme.eu/history/

Luftverschmutzung als unsichtbare Gefahr:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/smog-paris-verhaengt-erstes-fahrverbot-seit-1997-a-959001.html
https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/luftschadstoffe/stickstoffoxide
https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/luftschadstoffe/feinstaub
https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/aus-welchen-quellen-stammt-feinstaub
https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/luftschadstoffe/kohlenmonoxid
https://www.interreg-central.eu/Content.Node/AWAIR.html

Macht die Stadt uns verrückt?

https://www.tagesspiegel.de/berlin/warum-sind-die-berliner-wie-sie-sind-berlin-veraendert-das-gehirn/20842682.html
https://www.alfred-herrhausen-gesellschaft.de/de/urbanisierung/12205.htm#tab_neurourbanistik-br-berblick
http://www.mazda-adli.de/
https://land-der-ideen.de/projekt/interdisziplinaeres-forum-neurourbanistik-fuer-psychische-gesundheit-in-der-stadt-3852

Die Stadt mit den Ohren erkunden:

https://www.buergerschaffenwissen.de/projekt/hush-city

Wilde Freiräume in der Stadt:

https://www.stiftung-naturschutz.de/unsere-projekte/naturerfahrungs-raeume/

11. Juli 2018


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