Schattenblick → INFOPOOL → GEISTESWISSENSCHAFTEN → VERANSTALTUNGEN


AUSSTELLUNG/432: Berlin - Die wechselhafte Geschichte des Kulturzentrums Gabriela Mistral in Chile, 12.9.-31.10.2019


Allendes Internationale - Pressemitteilung vom 2. September 2019

Politik am Bau. Die wechselhafte Geschichte des Kulturzentrums Gabriela Mistral (Santiago, Chile)

Ausstellungseröffnung
Donnerstag, 12.09.2019, 19:30 Uhr
Galerie Olga Benario, Richardstr. 104, 12043 Berlin-Neukölln


Allendes Internationale und die Galerie Olga Benario präsentieren vom 12. September bis 31. Oktober 2019 die Ausstellung Politik am Bau. Die wechselhafte Geschichte des Kulturzentrums Gabriela Mistral (Santiago, Chile). Das Gebäude steht sinnbildlich für den gesellschaftlichen und politischen Wandel Chiles - mit seinen Umbrüchen, Kontroversen und Widersprüchen.

Bis heute gibt es Spuren des 1000 Tage währenden demokratischen Sozialismus in Chile. Direkt im Zentrum Santiagos findet sich ein mehr als 20.000 Quadratmeter großer Fußabdruck: das Kulturzentrum Gabriela Mistral (GAM).

Doch nur wenige kennen die knapp 50-jährige Geschichte des Gebäudes. Sie ist wie ein Brennglas des gesellschaftlichen und politischen Wandels in Chile und schreibt sich auch im Jahr 2019 fort.

Errichtet wurde der Komplex in weniger als einem Jahr, unter Beteiligung Tausender Freiwilliger, für eine UN-Konferenz im Jahr 1972. Das Chile Salvador Allendes begrüßte die Welt. Danach war der Bau ein Fixpunkt des urbanen und politischen Lebens, beherbergte Konzerträume, Ministerien und ein großes subventioniertes Restaurant. Nur 17 Monate später beendete ein Militärputsch das bunte Miteinander: die Militärjunta wählte das Gebäude als Regierungssitz und plünderte die von namhaften Künstler*innen gestifteten Werke. Nach Ende der militärisch-zivilen Diktatur diente das Gebäude als Verwaltungssitz. Im Jahr 2005 zerstörte ein Brand große Teile des Baus; Forderungen nach einem Abriss wurden laut. 2007 entschied sich die Regierung für einen Wiederaufbau, als einen offenen Ort kultureller Begegnungen. Und dennoch bleibt das GAM bis heute ein umkämpfter Raum, in dem nicht nur um Erinnerung gerungen wird, sondern auch um mehr kulturelle und politische Teilhabe.

"Politik am Bau" sucht unter dem rostbraunen Cortenstahl der Fassade nach den sozialen Sedimenten der vergangenen fünf Jahrzehnte. Die Ausstellung nähert sich der Geschichte des Gebäudes mit einer Videoinstallation, einem Zeitstrahl und holographischen Projektionen verlorener Objekte des GAM.

Die Eröffnung findet am Donnerstag, 12. September um 19:30, mit einer Einführung in die Ausstellung, einer offenen Debatte und einem musikalisch-filmischem Begleitprogramm statt.

Öffnungszeiten: Do. - Sa., 15-19 Uhr und nach vorheriger Absprache unter 030-784 56 73.

Die Ausstellung ist Teil der Veranstaltungsreihe Septiembre Popular. Mehr Informationen unter:
https://www.internationalallende.org/


Allendes Internationale - Das Projekt im Überblick

Die Vorgeschichte

Die Projektidee entstand 2013 mit einer Recherche in Brasilien. Die Untersuchung über brasilianische Exilanten in Chile nach dem militärisch-zivilen Putsch 1964 machte deutlich, dass Ende der 1960er Jahre immer mehr Menschen aus der ganzen Welt und aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Chile kamen. Weitere Recherchen unter Beteiligung von Forschenden, Aktivist*innen und Kulturschaffenden aus Brasilien und Chile zeigten, dass ein Großteil dieser Menschen nach dem Staatsstreich 1973 Chile verlassen musste. In Gesprächen in Santiago de Chile wurde deutlich, welches erinnerungspolitische Potential in diesen Biographien steckt. Im Jahr 2017 begann unser damals dreiköpfiges Projektteam, erste Interviews zu führen und eine Publikationsidee zu entwickeln.


Die crossmediale Website

Auf der Website internationalallende.org werden seit September 2018 die Lebensgeschichten internationaler Unterstützer und Unterstützerinnen der Unidad Popular vorgestellt. Dabei erzählt unser "anti-biographischer" Ansatz Geschichte und Geschichten abseits der bekannten Namen und leistet einen Beitrag zu einem differenzierteren Verständnis jener Zeit. Wir porträtieren damalige Protagonisten in Text und bewegten Bildern, erstellen crossmediale Hintergrundinformationen und entwickeln einen transnationalen Nachrichten-Zeitstrahl. Kommentare oder Beiträge zu Recherche und Dokumentation sind ausdrücklich erwünscht. Eine besondere Web-Applikation ermöglicht es allen, von Zuhause aus direkt Videobotschaften hochzuladen, um Geschichten oder Fragen zu den 1000 Tagen chilenischem Sozialismus zu teilen. Wir setzen diese Beiträge dann in Dialog mit dem von unser recherchierten Material ganz nach dem Motto: Geschichte wird gemeinsam geschrieben.


Die Veranstaltungen

Zur Auftaktveranstaltung fand am 6. September 2018 im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt Zeitzeugen aus Frankreich und Deutschland, die Anfang der 1970er als junge Familien in Chile lebten, traten dabei erstmals in Dialog mit dem Publikum. Im ersten Halbjahr 2019 organisierte Allendes Internationale zwei partizipative Theaterstücke und eine Diskussionsveranstaltungen in Chile. Jetzt im September 2019 finden neben der vorgestellten Fotoausstellung "1000 Tage / 6 Blicke" unter dem Titel "Septiembre Popular" ab dem 12.9. noch weitere Veranstaltungen in der Galerie Olga Benario in Berlin statt (siehe beiligendes Programm). Den Projektabschluss bildet eine interaktive Multimedia-Austellung im Mai 2020, die parallel Besucher in Santiago und Berlin ansprechen und zu einem kommunikativen Austausch einladen wird.


Chronologie der Widersprüche -
Eine kurze Geschichte des GAM-UNCTAD III
1971-2019

1971. Die Vereinten Nationen (UNO) debattieren intensiv die Ursachen von Unterentwicklung und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung. Chile wirbt erfolgreich dafür, die für April 1972 geplante Dritte Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD III) in Santiago durchzuführen.

Die sozialistische Regierung Salvador Allendes plant einen mehr als 40.000 Quadratmeter großen avantgardistischen Neubau. Doch für die Verwirklichung dieser symbolischen Begegnungsstätte bleiben nur zehn Monate Zeit. Unterstützer und Gegner fragen sich: Ist ein solches Unterfangen überhaupt möglich?

Im Juni 1971 ernennt die Regierung das Architektenteam: Hugo Gaggero, José Medina, Juan Echeñique, José Covacevic und Sergio González. Sie alle sind Vertreter eines utopischen Architekturbegriffs, Erben des Bauhauses, die technische, architektonische und soziale Aspekte verbinden wollen.

Mit der Koordination der Arbeiten wird Miguel Lawner, ebenfalls Architekt und Leiter der Urbanisierungsbehörde CORMU betraut. Lawner orientiert sich seit längerem an skandinavischen Modellen der Stadterneuerung, die Verdrängungen zu vermeiden suchen. So beschließt CORMU, dass neue Gebäude zum Herzstück des Umgestaltungsprogramms San Borja zu machen, ein Projekt, dass die innerstädtische Segregation Santiagos aufbrechen will.

Baubeginn ist der 9. August 1971. Umgesetzt wird der Vorschlag José Medinas, aus der Architektengruppe, eine Art "Zelt" oder "Tisch" zu bauen. Diese Corten-Stahl-Konstruktion ruht auf einer Reihe großer Betonstützen. Ein solches System erlaubt es, das Gebäude nach unten "hängend" an der Stahlkonstruktion und gleichzeitig von unten nach oben zu bauen.

Der Bau des Konferenzgebäudes wird von der Baufirma DESCO durchgeführt. Nach Ideen des britischen Kyberneten Stafford Beer entwickelt DESCO dafür ein revolutionäres Baukomitee-Modell: Alle Pläne und Aufgaben werden auf Versammlungen von Führungskräften und Arbeitern diskutiert und dann gemeinsam Entscheidungen getroffen.

Der CORMU-Ingenieur Hellmuth Stuven weist 75 Projektmanager auf der UNCTAD III-Baustelle in die Nutzung einer speziellen Software (PERT) ein, die helfen soll, den engen Zeitplan einzuhalten. Die Grundidee ist, damit einen Pfad einzelner Aktivitäten anzulegen, die dann in strenger zeitlicher Reihenfolge ausgeführt werden.

Viele herausragende Künstler*innen spenden Werke für das Gebäude der UNCTAD, u.a. Roberto Matta, Mario Carreño, Guillermo Núñez, Marta Colvin, José Balmes, Roser Bru, Nemesio Antúnez, der Weidenflechter "Manzanito", Santos Chávez, die Stickerinnen der Isla Negra, Mario Toral, Gracia Barrios, Samuel Román, Francisco Brugnoli, Iván Vial, Eduardo Vial, José und Venturelli.

Anfang Dezember 1971 wird das Richtfest des Gebäudes mit einem großen Grillfest gefeiert. Salvador Allende stellt den Wein. Während der Feierlichkeiten spricht der Präsident zu den Arbeitern: "Sie haben die epochale Bedeutung dieses Bauwerks verstanden. Dieses Richtfest erlaubt mir, Teil dieser Freude zu werden, die uns überwältigt. In euch bestätigt sich mein tiefer Glaube an die chilenischen Arbeiter."

Am 3. April 1972 wird das Gebäude der UNCTAD III eingeweiht. Auf der Plakette am Eingang, die von dem Künstler Samuel Román gestaltet wurde, steht: "Dieses Gebäude spiegelt den Geist der Arbeit, die kreative Fähigkeit und den Einsatz der Menschen in Chile wider, vertreten durch: ihre Arbeiter, ihre Techniker, ihre Künstler, ihre Fachleute. Es wurde in 275 Tagen erbaut und am 3. April 1972 während der Regierung des Kameraden Salvador Allende G., Präsident der Republik, fertiggestellt."

Am 13. April 1972 öffnete die UNCTAD III ihre Türen für 3.000 Delegierte aus 140 Ländern. Präsident Salvador Allende hält die Eröffnungsrede im Plenarsaal. Er schließt mit den Worten: "Die Leidenschaft und der Eifer, mit dem die Bevölkerung dieses Gebäude gebaut hat, sind ein Symbol für die Leidenschaft und den Eifer, mit dem Chile zum Aufbau einer neuen Menschheit beitragen will, die Not, Armut und Angst verschwinden lassen wird, auf diesem und auf anderen Kontinenten."

Im September 1972 wird das Gebäude als Metropolitanes Kulturzentrum Gabriela Mistral der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es soll fortan für kulturelle Aktivitäten, Konzerte und Ausstellungen genutzt werden. Außerdem werden ein Postamt und eine Mensa eröffnet, die täglich 5.000 Mahlzeiten zu günstigen Preisen anbietet. In die Räumlichkeiten des Turms ziehen das Frauensekretariat und das Jugendsekretariat ein.

Nach dem Putsch am 11. September 1973, schließt die Militärjunta unter Kommando von Augusto Pinochet das Kulturzentrum und macht es zu ihrem Hauptquartier. Mit der Beschlagnahmung des Gebäudes beginnt auch die Plünderung der Kunstwerke, von denen viele bis heute verschwunden sind.

Im Dezember 1973 macht ein Dekret das Gebäude offiziell zum Sitz der Militärjunta. Zu Ehren eines autoritären Führers des 19. Jahrhunderts wird es in Edificio Diego Portales umbenannt. Bis 1981 nutzt das militärisch-zivile Regime den Ort als Operationszentrum.

Ab dem 11. März 1981 richten Mitglieder der Regierungsjunta ihre Büros im Turm des Gebäudes ein, darunter ehemals renommierte Juristen wie Jorge Hübner und überzeugte Putschisten und Folterer wie José Toribio Merino Castro und Fernando Matthei Aubel.

Nach Ende der 17-jährigen Besetzung durch Vertreter*ìnnen der militärisch-zivilen Diktatur nutzen die nun wieder demokratisch gewählten Regierungen der Mitte-Links-Koalition Concertación (1990-2006) Teile des Gebäudes für Konferenzen und Tagungen. Das Gebäude erhält jedoch nicht vollständig seinen öffentlichen Charakter zurück. Das Ministerium für Nationale Verteidigung bleibt noch bis 2017 alleiniger Nutzer des Turms.

Am 5. März 2006 beschädigt ein Großbrand, verursacht durch die mangelnde Wartung des Stromnetzes, den Ostflügel des Kongresszentrums und mehrere Säle. Gegen den Willen des Immobiliensektors, rechter Kreise und Architekten wie Mathias Klotz, die einen Abriss fordern, beruft die damalige Präsidentin Michelle Bachelet ein Ministerkomitee ein, um den Umbau des Gebäudes einzuleiten.

Im Jahr 2010 wird der Gebäudekomplex wieder eröffnet, als Centro Cultural Gabriela Mistral. Die Einweihung obliegt der nun wieder regierenden Rechten. Präsident Sebastian Piñera erntet während der gesamten Zeremonie Buhrufe.

In den folgenden Jahren zieht der Raum eine große Anzahl von Besucher*innen an, aber auch "zweifelhafte Mieter", darunter eine teure Weinhandlung und ein Turnschuh-Design-Labor. Die öffentliche Aneignung findet ihren Raum unter den überdachten Plätzen des Gebäudes: Bis heute treffen sich hier regelmäßig Jugendliche, um in Gruppen ihre eigenen Choreographien einstudieren.

2018 erklärt der Minister für Nationale Güter, Felipe Ward den Turm des GAM für "unbewohnbar". Auf diese Weise wird das Projekt der Vorgängerregierung, hier Büros für soziale Projekte einzurichten, gestoppt. Erst nach Protesten und einer Bürgerbefragung revidiert die Regierung ihre Entscheidung. Es wird vereinbart, dass die Gemeinde Santiago künftig acht und andere soziale Initiativen die übrigen 14 Stockwerke nutzen können - eine Übergabe der Räume steht bis heute aus.

Im Oktober 2018 ernennt das Kulturministerium Andrés Rodriguez zum neuen Präsidenten des Verwaltungsrates des GAM. Rodriguez arbeitete ab 1981 als Direktor des Stadttheaters von Santiago, wo er eine starke künstlerische Zensur etablierte und pompöse Galas für die Militärjunta abhielt. Dass er diesen Posten bis 2015 innehatte überrascht. Sein Aufstieg zum Leiter des GAM ist ein besorgniserregender Rückschlag für die chilenische Demokratie.

2019 werden die Bauarbeiten für die zweite Stufe des GAM-Umbaus wieder aufgenommen. Entstehen soll u.a. ein neuer Saal für 1800 Zuschauer*innen. Doch Hochwasserschäden und zwei Streiks von Arbeitern des spanischen Bauunternehmens Ecisa verzögern die geplante Eröffnung. Momentan ruhen die Arbeiten erneut. Eine Eröffnung der neuen Räume soll im Dezember 2021 erfolgen.

*

Quelle:
Allendes Internationale
Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.
Köpenicker Straße 187/188, 10997 Berlin,
Tel.: 030/789 913 61
E-Mail: unidadpopular@npla.de
Internet: https://internationalallende.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 12. September 2019

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang