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FRAGEN/109: Honduras nach der Wahl - Interview mit der Journalistin Iolany Pérez (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Honduras nach der Wahl

Interview mit der Journalistin Iolany Pérez von Markus Plate


(Berlin, 10. Dezember 2025, poonal) Auch über eine Woche nach den Wahlen in Honduras ist nicht klar, wer der neue Präsident wird. Seit Auszählung von knapp über 80 Prozent der Stimmen hat der Nationale Wahlrat keine weiteren Ergebnisse veröffentlicht, der von Trump favorisierte Kandidat, Nasry Asfura von der rechten Nationalen Partei hatte zu dem Zeitpunkt lediglich einen winzigen Vorsprung von nur 515 Stimmen gegenüber seinem rechtsliberalen Rivalen Salvador Nasralla. Beide liegen bei knapp 40 Prozent der Stimmen. Die Linkskandidatin Rixi Moncada liegt abgeschlagen auf dem dritten Platz. Zur Situation in Honduras nach den Wahlen vom 30. November sprechen wir mit Iolany Pérez. Sie ist Journalistin bei Radio Progreso, unserem Partner-Radio in der gleichnamigen Stadt Progreso. Iolany hat für uns auch den Vorbericht zu den Wahlen beigesteuert, den könnt ihr auf unserer Seite npla.de/onda nachhören oder bei poonal nachlesen.

Frage: Iolany, der frühere Präsident Juan Orlando Hernández, der in den USA wegen Drogenhandels verurteilt wurde, ist nur einen Tag nach den Wahlen in Honduras von Präsident Donald Trump begnadigt worden. Schon vor den Wahlen hatte Trump offen zugunsten des Kandidaten der Nationalen Partei, Nasry Asfura, interveniert. Welche Botschaft sendet diese Entscheidung deiner Meinung nach an Honduras - und vielleicht an ganz Lateinamerika? Und wie hat die honduranische Gesellschaft darauf reagiert?

Iolany Pérez: Honduras befindet sich derzeit in einer sehr kritischen Phase voller Unsicherheit. Seit über acht Tagen sind die Wahlen vorbei, doch es gibt noch immer keine offiziellen Ergebnisse und nicht einmal einen klaren Trend, ob der Kandidat der Liberalen oder der Nationalen Partei Präsident wird.

Die Interventionen von US-Präsident Donald Trump kurz vor den Wahlen wurden in Honduras mit großem Erstaunen und Fassungslosigkeit aufgenommen. Viele konnten kaum glauben, dass ein ausländischer Präsident ein anderes Land so offen unter Druck setzt, indem er politische Unterstützung von einem bestimmten Wahlausgang abhängig macht.

Einen Tag nach den Wahlen folgte zudem die Begnadigung des früheren Präsidenten Juan Orlando Hernández, der in Honduras wegen Korruption, organisierter Kriminalität und Drogenhandels zutiefst verhasst ist. Insgesamt überwiegt in der Bevölkerung die Ablehnung dieses Vorgehens. Gefordert werden Respekt vor der nationalen Souveränität und ein Ende der Einmischung - gerade in einem so sensiblen Moment wie einem Wahlprozess.

Frage: Du hast es schon erwähnt: Die Auszählung der Stimmen verläuft sehr langsam, sie wurde mehrfach unterbrochen und ist von Unregelmäßigkeiten geprägt. Ein offizielles Endergebnis gibt es bisher noch nicht. Wir wissen also noch nicht, ob Salvador Nasralla oder Nasry Asfura der nächste Präsident von Honduras wird. Was geschieht aus deiner Sicht derzeit im Hintergrund? Welche Gerüchte, Verdachtsmomente oder Spannungen nimmst du wahr?

Iolany Pérez: Ich glaube, was man hier vermutet, ist, dass es Verhandlungen zwischen den politischen Spitzen gibt. Angesichts der bisherigen Inkompetenz des Nationalen Wahlrates wächst der Verdacht, dass sich die Machteliten der wichtigsten Parteien - der Nationalen Partei, der Liberalen und der Regierungspartei LIBRE - auf einen politischen Deal zubewegen.

Dabei geht es offenbar nicht nur um die Frage, wer Präsident wird. Im Zentrum stehen vor allem die Machtverhältnisse im Nationalkongress, wo viele der entscheidenden Weichen des Landes gestellt werden. Ebenso geht es um die Kontrolle über den Obersten Gerichtshof und um das Amt des Generalstaatsanwalts - Schlüsselpositionen für die kommenden Jahre.

Deshalb bleibt bis heute offen, ob Nasry Asfura oder Salvador Nasralla das Amt übernehmen wird. Selbst die aktuellen Mobilisierungen auf der Straße werden als Druckmittel in diesen Machtverhandlungen genutzt - mit dem Ziel, sich dauerhaft die Kontrolle über die verschiedenen Staatsgewalten zu sichern.

Frage: In Deutschland würden wir davon ausgehen, dass die künftige Politik des Landes stark davon abhängt, ob Nasralla oder Asfura Präsident wird. Wenn jedoch hinter den Kulissen verhandelt wird, dann werden dort ja auch politische Inhalte mit ausgehandelt. Aber ausgehend von den offiziellen politischen Programmen der beiden Kandidaten gefragt: Was würde ein Sieg von Asfura oder von Nasralla jeweils für Honduras bedeuten? In Bezug auf Sicherheit, Wirtschaft, Armut, indigene und afrohonduranische Bevölkerungsgruppen, den Schutz der Territorien, Migration und die demokratischen Institutionen?

Iolany Pérez: Nasralla und Asfura stehen beide für die politische Rechte - dennoch gäbe es deutliche Unterschiede in ihrer Regierungsführung. Nasry Asfura gehört der Nationalen Partei an, einer Partei mit langer Geschichte in Honduras, zu der auch der frühere Präsident Juan Orlando Hernández zählt. Für diese Partei ist belegt, dass Teile ihrer Strukturen in Verbindungen mit kriminellen Gruppen verstrickt waren. Auch wenn Asfura sich davon zu distanzieren versucht, bleibt dieser Hintergrund politisch hoch problematisch.

Durch die Begnadigung von Juan Orlando Hernández durch US-Präsident Donald Trump hat sich die Lage zusätzlich verändert. Viele gehen davon aus, dass Hernández nun wieder erheblichen Einfluss innerhalb der Nationalen Partei gewinnen könnte. Unter einer Regierung Asfura würde die Nationalpartei vermutlich ihren bisherigen Kurs fortsetzen: weitere Privatisierungen öffentlicher Institutionen und eine Sicherheitspolitik der "harten Hand" - also Repression mit militärischen Mitteln, wie wir sie aus vielen Ländern der Region kennen.

Im Fall von Salvador Nasralla sähe das anders aus. Zwar steht auch er für bestimmte Machtgruppen, doch sein zentrales Wahlkampfversprechen war der Kampf gegen Korruption. Gleichzeitig gilt er als politischer Außenseiter: ein ehemaliger TV-Moderator und Sportkommentator, eine Art Showman. Seine Regierung wäre daher vermutlich unentschlossener, widersprüchlicher und stärker von Improvisation geprägt - aber wohl weniger hart und repressiv als unter Asfura.

Frage: Das Regierungslager, also die Partei LIBRE und ihre Kandidatin Rixi Moncada, hat die Präsidentschaftswahlen deutlich verloren: Nur etwa ein Fünftel der Wählerschaft stimmte für sie - sofern die bisher vom Nationalen Wahlrat veröffentlichten Zahlen korrekt sind. Ist das als eine Art Abstrafung der Regierung von Xiomara Castro zu verstehen? Was sind aus deiner Sicht die Hauptgründe für dieses schwache Ergebnis: War es die Kandidatin, das politische Programm, interne Konflikte - oder die Unzufriedenheit mit den vier Jahren Regierungspolitik, die dazu beigetragen haben, dass die beiden Rechtskandidaten [...]?

Iolany Pérez: Es ist schwer zu sagen, ob die Programme der Kandidaten besonders überzeugten - oder ob viele ihnen vor allem deshalb folgten, weil sie für das traditionelle Parteiensystem stehen, das Honduras seit Jahrzehnten prägt. Entscheidend waren für mich zwei Punkte. Erstens: Die Intervention der Vereinigten Staaten und die Drohungen von Präsident Donald Trump hatten klaren Einfluss auf diese Wahl.

Lange führte Salvador Nasralla in den Umfragen, gefolgt von Rixi Moncada. Doch nach öffentlichen Auftritten und insbesondere nach Trumps Drohungen gewann plötzlich Nasry Asfura deutlich an Zustimmung - jener Kandidat, den Trump offen unterstützte.

Es herrschte tatsächlich Angst. Berichte sprechen davon, dass kriminelle Gruppen im Wahlprozess Druck ausübten und Menschen bedrohten, damit sie nicht für die Regierungspartei stimmten, sondern für den von den USA favorisierten Kandidaten.

Zugleich lasteten vier Jahre unerfüllter Versprechen auf der Regierungspartei: bei Infrastruktur, Gesundheitswesen, Arbeitsplätzen und Sicherheit. Viele fühlten sich enttäuscht. Wer Versprechen nicht einlöst, wird abgestraft - auch wenn die Alternative nicht unbedingt besser ist.

Der dritte Platz für Rixi Moncada kam dennoch überraschend. Ausschlaggebend waren interne Konflikte, als arrogant empfundene Regierungsvertreter und gezielt geschürte Angst vor einem angeblich "kommunistischen" Regierungsprojekt. Diese Drohkulisse wirkte stark in einem Land, in dem über eine Million Menschen in den USA leben.

Frage: Keine Partei verfügt über eine eigene Mehrheit im Kongress. Welche Chancen für politische Bündnisse siehst du? Ist eher mit einer Koalition der rechten Parteien zu rechnen - oder mit Abkommen mit LIBRE, entweder zur Unterstützung oder zur Blockade des künftigen Präsidenten? Oder wird gerade, wie viele in Honduras vermuten, in Hinterzimmern möglicherweise alles bereits ausgehandelt?

Iolany Pérez: Der Nationalkongress ist in Honduras ein zentrales Machtfeld, denn dort werden die wichtigsten politischen Entscheidungen getroffen und zentrale Institutionen besetzt. Besonders brisant ist derzeit, dass die beiden früheren Oppositionsparteien - die Liberale und die Nationale Partei - gemeinsam eine qualifizierte Mehrheit erreichen könnten. Zusammen kämen sie auf fast 100 Abgeordnete und wären damit nicht auf LIBRE angewiesen. Viele sehen darin auch einen Grund für die Verzögerung bei der Bekanntgabe des endgültigen Wahlergebnisses: Im Hintergrund wird offenbar intensiv verhandelt.

Für die kommenden vier Jahre ist jedoch kaum von einer festen Machtallianz auszugehen. Die Mehrheiten werden sich je nach Thema verschieben. Auch LIBRE wird gezwungen sein, situativ Bündnisse zu suchen.

Zwar gehören sowohl die Liberalen als auch die Nationale Partei zum rechten Spektrum, doch besonders die Nationale Partei gilt als deutlich radikaler. Sie steht für stärkere Militarisierung und autoritäre Sicherheitsstrategien.

Denkbar sind daher wechselnde Allianzen: teils zwischen Liberalen und LIBRE, teils zwischen Liberalen und Nationaler Partei. Ein echtes Bündnis zwischen Nationaler Partei und LIBRE gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich.

Frage: Zum Abschluss: Als Journalistin und als Honduranerin - was bereitet dir mit Blick auf die Zukunft von Honduras derzeit die größten Sorgen, und was gibt dir trotz allem noch Hoffnung?

Iolany Pérez: Diese letzten Tage waren für mich persönlich und als Journalistin von großer Unsicherheit geprägt. Erneut zu sehen, wie schwach die honduranische Institutionalität ist und wie wenig Sicherheit das Wahlergebnis gibt, zeigt die geringen demokratischen Fortschritte.

Mir macht große Angst, dass Kräfte zurückkehren könnten, die in der Vergangenheit mit dem organisiertem Verbrechen verbunden waren und wieder Einfluss in staatlichen Institutionen gewinnen. Das würde mehr Autoritarismus, mehr Einschränkungen der Meinungsfreiheit und neue Gefahren für Journalistinnen und Verteidigerinnen von Rechten bedeuten.

Gleichzeitig fürchte ich, dass die Bevölkerung weiter manipuliert wird. Hoffnung schöpfe ich aus den Menschen selbst - aus denen, die Regierungen abwählen und Verantwortung einfordern. Und trotz allem setzen wir weiter auf guten, ethischen Journalismus, der die Würde der Menschen und ihre Rechte verteidigt.


Dieses Interview haben wir am späten Montag Abend (8.12) deutscher Zeit geführt. Wenn ihr dieses Interview lest, gibt es vielleicht schon ein offizielles Endergebnis. Über die Entwicklungen in Honduras werden poonal und onda auch weiterhin berichten.

URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/politik-gesellschaft/honduras-interview-mit-der-journalistin-iolany-perez/


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Quelle:
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E-Mail: poonal@npla.de
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 12. Dezember 2025

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