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INTERVIEW/003: Schachdorf Ströbeck - Spuren, Frau Krosch im Gespräch (SB)


Schachdorf Ströbeck - Spuren

Interview mit Renate Krosch am 8. Juni 2013 in Ströbeck



Vieles wäre unwiderruflich im Dunkel der Zeit versunken, wenn nicht Menschen mit Traditionsbewußtsein sich darangemacht hätten, die Geschichte eines Ortes niederzuschreiben. Ein Chronist muß dabei drei Welten im Auge behalten. Er muß die Gegenwart kennen, der er selbst entstammt, aber auch wissen, wie die Dinge in der Vergangenheit ihren Lauf genommen haben, und er muß zuletzt mit sicherem Gefühl auch abwägen, wie er sein gesammeltes Wissen einer noch ungeborenen Zukunft übereignet.

Im Falle Ströbecks kam ein großes Handicap hinzu. Viele Schriften zum Schachdorf waren über die Jahrhunderte verstreut. Es gab kein einheitliches Werk, darin die Schachtradition Ströbecks zur Einsicht vorlag. Die Ortschronistin Renate Krosch machte es sich, weil vieles den Ströbeckern aus der eigenen Geschichte nicht mehr bekannt war, zur Aufgabe, die im Lauf der Geschichte hinterlassenen Spuren zu sichten und zu sammeln.

In mehreren Publikationen hat Frau Krosch so die vielfältigen Mosaiksteine rund um das Ströbecker Schach wieder zusammengetragen. Anläßlich der Feierlichkeiten zur 325jährigen Geschichte des Lebendschachs in Ströbeck und zum 30jährigen Bestehen des Lebendschachensembles stellte sie sich am 8. Juni freundlicherweise den Fragen des Schattenblick.

Austausch der Gedanken - Foto: © 2013 by Schattenblick

SB-Redakteur im Gespräch mit Frau Krosch
Foto: © 2013 by Schattenblick

Schattenblick: Die Schachgeschichte ist im Grunde genommen ein Randgebiet der Historie. Wie kommt man eigentlich als Historikerin dazu, sich speziell mit der Ströbecker Schachtradition auseinanderzusetzen? Sie haben auch Bücher zu diesem Thema geschrieben.

Renate Krosch: Ja, und sie liegen hier im Museum zum Verkauf aus, aber ich bin, auch wenn ich zuweilen als solche hier im Ort ausgewiesen werde, keine Historikerin. Ich kümmere mich ehrenamtlich um die Ortschronik und bin eigentlich ausgebildete Lehrerin für Mathematik und Physik.

SB: Aber Sie sind gebürtige Ströbeckerin?

RK: Ich bin zwar nicht hier geboren worden, weil es in Ströbeck keine Entbindungsstation gibt. Meine Mutter hat in Halberstadt entbunden, aber sowohl meine Mutter als auch mein Vater stammen aus Ströbeck. In meiner Familienlinie kam bis in die fünfte oder sechste Generation zurück mindestens einer aus Ströbeck. Ich bin also in dem Bewußtsein aufgewachsen, eine waschechte Ströbeckerin zu sein.

SB: Was hat Sie persönlich angetrieben, die Ortsgeschichte Ströbecks zu erforschen?

RK: Ich bin immer schon neugierig gewesen, aber dennoch dauerte es eine Weile, bis ich auf die Idee kam, die Geschichte dieses Ortes genauer zu erforschen. Für die Verzögerungen gab es mehrere Gründe. Zum einen konnte man in der DDR-Zeit nicht ohne weiteres in die Archive gehen. Aber auch in den Bibliotheken fand man nicht alles, was man suchte. Außerdem hatte ich zwei kleine Kinder, um die ich mich kümmern mußte. Und dann war da natürlich noch mein Beruf.

SB: Sie haben an der Grundschule in Ströbeck Unterricht gegeben?

RK: Nicht an der Grundschule. Wir hatten hier zu DDR-Zeiten eine Polytechnische Oberschule von der ersten bis zur zehnten Klasse. Dort unterrichtete ich die Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse.

SB: Ist dieses Schulsystem nach der sogenannten Wiedervereinigung abgeschafft worden?

RK: Ja leider. Ich denke, daß es ein gutes Bildungssystem war. Als ich selber zur Schule ging, waren die Kinder acht Jahre zusammen. Später wurde die Schulzeit auf zehn Jahre erweitert. Aber heute kommt es praktisch ab der fünften Klasse zu einer Trennung. Ich halte das nicht für eine gute Idee. Vor allem die Kinder in den Dörfern werden davon benachteiligt, weil sie weite Strecken mit dem Bus fahren und dabei den schweren Ranzen mitschleppen müssen.

SB: 2004, als die Sekundarstufe wegen zu geringer Schülerzahlen in Ströbeck geschlossen wurde, kam es zu Protestkundgebungen für den Erhalt des Ströbecker Schachunterrichts.

RK: Stimmt, in Ströbeck ist Schach seit 1823 Pflichtfach in der Schule. In alten Ausgaben der Deutschen Schachzeitung aus Berlin findet man Artikel, die davon berichten, daß in Ströbeck seit dieser Zeit sogenannte Schachexamina stattfanden. Im Jahre 1831 hat William Lewis, ein Schachlehrer aus London, Ströbeck besucht und über seine Erfahrungen zum Beispiel im französischen Magazin Le Palamède, aber auch in englischen Schachzeitungen berichtet. Ich habe eine Zeitlang versucht, diese Artikel aufzutreiben, weil sie Auskunft über die Ströbecker Schachtradition zu einem ganz bestimmten Zeitabschnitt geben. Mit dem Internet ist das heutzutage natürlich ein Kinderspiel, aber zu DDR-Zeiten war das nahezu unmöglich.

SB: Gab es, bevor Sie damit anfingen, die Geschichte Ströbecks auch wissenschaftlich zu erforschen, keine kulturhistorische Aufarbeitung?

RK: Nein, jedenfalls nicht mit wissenschaftlichem Anspruch. Es gab eine ganze Reihe schöner Erzählungen und auch Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergetragen wurden. Einige Hinweise findet man auch im Gästebuch von 1886. Diese schriftlichen Zeugnisse sind für uns besonders wertvoll, denn man muß sich vor Augen führen, daß in dieser Region in der Zeit von 1933 bis 1990, erst in der Nazi-Zeit, dann unter sowjetischer Besatzung und schließlich in der DDR, nichts ohne Zensur gedruckt werden durfte. Hinzu kam, daß in der DDR vielfach das Papier fehlte, aber man die Erlaubnis zum Druck nur dann erhielt, wenn man auch eine Genehmigung fürs Papier besaß. Das war sehr schwierig.

Laterne mit Schachmotiv am Ströbecker Turm - Foto: © 2013 by Schattenblick

In der Sprache der Symbolik
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Nun war das Schach in der DDR durchaus beliebt. Die DDR-Fernschachmannschaft hat sogar Medaillen gewonnen.

RK: Ja richtig, die letzte sogar, nachdem die DDR schon lange weg war.

SB: Der intensive Austausch mit der sowjetischen Schachschule hat im DDR-Schachbetrieb seinen Niederschlag gefunden. So waren Schachbücher vom Sportverlag in Berlin im Westen gerade wegen ihrer inneren Systematik sehr begehrt. Das betrifft jedoch das Schach als Wettkampfform. Hat die DDR dagegen das folkloristische Element im Ströbecker Schach stiefmütterlich behandelt?

RK: Nein, für DDR-Verhältnisse waren wir sogar privilegiert. Das kann man so sagen. Denn Schach war, wenn man es zum Beispiel mit einer Eishockey-Ausrüstung vergleicht, nicht teuer. Brett und Figuren sind relativ billig. Außerdem war das sowjetische Brudervolk, das im Schach große Erfolge feierte, für die DDR immer ein Ansporn.

SB: Daß die Sowjetunion über viele Jahrzehnte die Weltmeister stellte, zeugt von dieser Dominanz.

RK: Ja, und damit konnte man auch die Unterstützung, die das Ströbecker Schach in der DDR alles in allem genoß, gut begründen. Es waren auch sowjetische Großmeister zum Simultanspiel hier.

SB: Ströbeck hatte im Kulturbetrieb der DDR zwar seinen Platz, aber die kulturhistorische Aufarbeitung selbst wurde offenbar nicht intensiv betrieben.

RK: So kann man das sagen. Allerdings wurde hier im Kreis vereinbart, einmal die Woche Schachunterricht als Pflichtfach zu geben. Das war vorher nie so regelmäßig gewesen, schon aus dem einfachen Grund, daß die Kinder im Sommer auf den Feldern mitarbeiten mußten. Schon zu alten Zeiten gab es Zensuren im Zeugnis für das Schachspiel, freilich nicht versetzungsrelevant, aber ein Pflichtfach war es eben doch. Das ist in der DDR genehmigt worden. Deswegen war der Nachschub für die Lebendschachgruppe immer gesichert, denn die Ströbecker Kinder konnten alle Schach spielen. Man konnte sie aufs Brett stellen und auch dirigieren, weil sie wußten, wo sie bei einem Zug hin mußten. Lebendschach in Ströbeck ist seit 1909 nachweislich. Das mit 1688 stimmt so nicht.

SB: Das stimmt nicht, sagen Sie?

RK: Man kann es nicht belegen.

SB: Für das Lebendschach gibt es verschiedene historische Bezüge. Einige Geschichten nehmen sich sehr grausam aus. So sollen bestimmte Herrscher wie zum Beispiel Iwan der Schreckliche in Rußland mit lebenden Figuren gespielt haben. Die Figur, die herausgeschlagen wurde, soll angeblich gleich darauf hingerichtet worden sein.

RK: Fest steht jedenfalls, daß das Schachspiel mit lebenden Figuren an vielen europäischen Fürstenhöfen aufgeführt worden ist. Beispielsweise wird in dem französischen Streifen "Die drei Musketiere" eine Lebendschachszene dargestellt. Auch in Italien hat man in Palästen große Säle mit schwarzen und weißen Marmorplatten ausgelegt und Lebendschach als Ballett oder Theaterstück aufgeführt.

Altes Foto aus dem holländischen Badeort - Foto: 2013 by Schattenblick

Lebendschach in Wijk aan Zee
Foto: 2013 by Schattenblick

SB: Sind das ältere Belege des Lebendschachs als für Ströbeck?

RK: Auf jeden Fall. Zum Ströbecker Lebendschach stammt der erste gesicherte Bericht aus dem Jahr 1909. Das mit der 325jährigen Tradition ist schwierig zu vermitteln. Möglicherweise haben die Ströbecker nie an einem Fürstenhof Lebendschach vorgeführt.

SB: Im Zusammenhang mit der Ströbecker Schachtradition fällt häufig der Name Gustavus Selenus.

RK: Der Braunschweiger Herzog hat den Ströbecker Spielweisen in seinem Buch oder zumindest in der Zweitausgabe dieses Werks ein ganzes Kapitel gewidmet. Aber es ist nicht belegbar, daß am Hof in Braunschweig oder in Plankenburg, wo die Braunschweiger, wenngleich viel später, Hof hielten, Schachspiele mit lebenden Figuren aufgeführt wurden. Ich war bei meinen Recherchen auch in Wolfenbüttel in der berühmten Herzog-August-Bibliothek, wo noch eine Erstausgabe des Selenus-Buches ausgestellt ist. In diesem Erstwerk sind noch Programme von Reduten erhalten, also von Faschingsveranstaltungen, die an den Höfen stattfanden, aber nirgends ist vom Lebendschach die Rede, und schon gar nicht im Zusammenhang mit Ströbeck.

SB: Selenus galt als leidenschaftlicher Schachspieler. Ihm haben wir das erste Schachbuch in deutscher Sprache zu verdanken. Hinweise auf ein frühes Ströbecker Lebendschach müßten darin eigentlich enthalten sein.

RK: Ja, das denke ich auch, wobei manche behaupten, daß das mit dem Lebendschach in einem späteren Jahrhundert war. Tatsächlich geht die Jahreszahl 1688 für das Lebendschach auf Hanns H. F. Schmidt zurück. Der Magdeburger Schriftsteller hatte zu DDR-Zeiten die ganze Gegend hier bereist und dann darüber geschrieben. Aber als Schriftsteller hat er leicht Fiktives mit Fakten vermischen können. So hatte er in irgendeiner Bibliothek eine Schrift entdeckt, in der es hieß, daß in einem Ort in Kursachsen Schach mit lebenden Figuren gespielt wurde. Daraus hat Schmidt geschlossen, daß dies Ströbeck sein müßte. Ströbeck gehörte aber niemals zu Kursachsen.

SB: Gibt es einen belegbaren Bericht, wie das berühmte Kurfürstenbrett, von dem eine Kopie im Schachmuseum ausgestellt ist, an die Ströbecker gelangte?

RK: Es wird gesagt, daß der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg nach Ende des 30jährigen Krieges dieses Gebiet, das im Friedensvertrag an ihn gefallen war, bereist hat. Auf seiner Inspektionsreise hat er auch in Ströbeck Halt gemacht und sich dabei vom spielerischen Können der Bauern überzeugt. 1651 hat er den Ströbeckern dann das Kurfürstenbrett als Geschenk zukommen lassen. So wird es überliefert. Aber bestimmte Teile des Brettes haben ein unterschiedliches Alter. So ist die Beschriftung oben auf dem Brettrahmen, die das Brett als Geschenk des großen Kurfürsten ausweist, älter und paßt mit der Jahreszahl 1651 zusammen. Aber zu einem späteren Zeitpunkt ist das Brett nochmals ausgebessert oder präpariert worden.

Renate Krosch am Grübeln - Foto: © 2013 by Schattenblick

Sinnieren über Fakten und Täuschungen
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Überhaupt steckt die Ströbecker Schachtradition voller Legenden, wie die mit dem Turm und dem Gefangenen, die tatsächlich wie ein Märchen anmutet.

RK: Ist es auch.

SB: Man könnte sich natürlich fragen, was uns so eine Geschichte erzählen will?

RK: Ja richtig, denn irgend etwas hat man sich dabei sicher gedacht. Fest steht, daß man eigentlich nicht genau weiß, wie das Schachspiel nach Ströbeck gekommen ist. Ein Halberstädter Cronist hat eine Weile hier in Ströbeck gelebt und so um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine Cronik geschrieben. Darin ist er auch dieser Frage nachgegangen. Er hat eben spekuliert und sich drei Möglichkeiten überlegt. Da wäre einmal der Gefangene, der in einer Chronik tatsächlich belegt ist. Dieser Guncelin, Markgraf von Meißen, sei mit Heinrich II. 1011 in Konflikt geraten, worauf der Kaiser ihn dem Halberstädter Bischof Arnulf übergeben habe. In dem Zusammenhang muß man sich natürlich fragen, ob der Gefangene hier tatsächlich in einem Turm gesessen hat, denn der Schachturm kann es nicht gewesen sein, weil er jüngeren Datums ist. Die Dörfer waren in früheren Zeiten eigentlich nur mit Hecken oder Holztürmen befestigt. Wäre es da nicht sinnvoller gewesen, so muß man sich fragen, einen Staatsgefangenen in der befestigten Domburg in Halberstadt unterzubringen?

Tor am Ströbecker Turm - Foto: © 2013 by Schattenblick

Eingang ins Reich der Legenden
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Der Turm mit dem Verlies ist erst später erbaut worden?

RK: Sehr viel später.

SB: Tatsächlich macht ein Verlies für eine Dorfgemeinschaft nicht viel Sinn.

RK: Ja, dieses Verlies hatte auch noch andere Funktionen. In alten Abbildungen sieht man, daß die Tür unten fehlte. Die Mauer war unten rundherum dicht, aber es gab einen Eingang oben. So gesehen war es wirklich ein Verlies. Die Gefangenen wurden vom Nachbargrundstück aus durch eine Tür heruntergelassen. Die alten Ströbecker sprechen platt. Wir sind hier die südliche Grenze dafür. Und bei den alten Leuten heißt er Pfandturm. Wer sich kleinere Vergehen hat zuschulden kommen lassen, der kam da hinein. Denn schwere Verbrechen wurden in Halberstadt geahndet. Außerdem ist der Turm als Wachturm benutzt worden. Es gab hier in der Region ein ganzes System von Türmen. Man konnte sich dann zum Beispiel bei Feuer oder beim Eindringen von Feinden mit Rauch- oder Lichtzeichen gegenseitig benachrichtigen. Später, als dieses Warnsystem nicht mehr nötig war, hat man den Turm zum Trocknen von Feuerwehrschläuchen benutzt.

SB: Die Legende mit dem Gefangenen steht also irgendwo im Raum zwischen Faktum und Fiktion. Es ist historisch nicht geklärt, wie man sie zuordnen soll. Sieht man von den Personen und zeitgenössischen Konflikten, in die sie eingebettet ist, einmal ab, wird in der Legende zumindest die Frage berührt, wie das Schachspiel nach Ströbeck gekommen sein könnte. Irgendwie muß das Schachspiel überhaupt nach Europa gekommen sein. Traditionell gibt es dazu verschiedene Erklärungsansätze: über die Araber im Maurenreich auf der iberischen Halbinsel oder das Sizilien der Sarazenen.

RK: Ja, über das Mittelmeer oder über Rußland auf dem Landwege.

SB: Damit wären wir beim Ostimport. Könnte unter Umständen in der später heillos überfrachteten Legende vom Gefangenen im Turm, der den Ströbeckern das Schachspiel beibringt, nicht noch eine Restspur davon erhalten sein, daß das Schachspiel vielleicht aus dem Osten in diese Region gekommen ist?

RK: Ja, der Gefangene war immerhin der Markgraf von Meißen; und Meißen war vor tausend Jahren die östliche Grenze des Deutschen Reiches. Dahinter kamen gleich die Slawen. Manche nennen sie auch Wenden.

SB: Ist dieser Markgraf ein Wende gewesen?

RK: Nein, er war kein Wendenfürst. Es gibt aber noch eine andere Auslegung der Legende, die mit einem Wendenfürsten vermischt worden ist. Demnach sei ein Wende hier im Turm gefangengehalten worden, der den Ströbeckern das Schach beigebracht hätte. Einer dritten Lesart der Legende zufolge wurde der Bischof von Halberstadt, der mit seinen Oberen Probleme bekam, nach Ströbeck ins Exil geschickt. Und dieser soll dann die Ströbecker das Schachspiel gelehrt haben. Vor zwei Jahren habe ich eine weitere Möglichkeit aufgedeckt, wie das Schach nach Ströbeck gekommen sein könnte. In manchen alten Schriften ist zu lesen, daß die Sarazenen das Schach nach Ströbeck gebracht haben. Nun ist es so, daß in Ströbeck nachweislich auch die Tempelritter Eigentum hatten. Es wäre durchaus möglich, daß sie das Schachspiel aus dem östlichen Mittelmeerraum mitgebracht haben, oder daß sie Sklaven aus dem Orient bzw. aus Jerusalem im Gefolge hatten, die schachkundig waren.

Renate Krosch erläutert Ströbecker Legenden - Foto: © 2013 by Schattenblick

Alles hinterfragen
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Trotz mangelnder historischer Belege lassen sich zumindest Andeutungen finden, wie das Schach nach Ströbeck gekommen sein könnte. Wenn man sich den Zeitraum vom 9. bis zum 13. Jahrhundert vor Augen hält, dann hat man in Europa seinerzeit das alte arabische Schach gespielt, das mit der heutigen Form des Spiels nicht mehr allzuviel zu tun hat. So waren die Zugweisen der Figuren verschieden. Hier in Ströbeck wurde auch das Kurierschach gespielt, das meines Erachtens eine Hybridform zu sein scheint, da es aus dem arabischen Schach die Tabiya übernommen, aber gleichzeitig weitere Figuren, die es weder im arabischen noch im modernen Schach gibt, hinzu erfunden hat wie den Schleich und den Kurier. Gibt es aus Ihrer Forschung Hinweise darauf, wie diese Figuren entstanden sein könnten?

RK: Nein, ich kann nicht sagen, woher diese Figuren ursprünglich stammen, aber es stimmt, daß es dieses spezielle Ströbecker Schach, das Kurierspiel auf einem Brett mit 12 mal 8 Feldern gegeben hat. Oben im Museum ist eines nachgebildet. Außerdem gibt es noch die spezielle Ströbecker Spielweise mit 8 mal 8 Feldern und einer Grundstellung mit vorgezogenen Bauern, die wahrscheinlich auf das arabische Schach zurückgeht. So haben Indologen festgestellt, daß diese Formation eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schachspiel in Indien hat und durchaus auf dem Weg über Arabien nach Europa gekommen sein könnte.

SB: Im Ströbecker Schach gibt es zudem die kuriose Regel des Freudensprungs, derzufolge ein Bauer, der die gegnerische Grundreihe erreicht hat, erst einmal in drei sogenannten Freudensprüngen wieder auf seinen Stammplatz zurückkehren muß, ehe er sich in einen Offizier seiner Wahl verwandeln kann. Nun weiß man aus Italien, daß es dort zur Zeit der Renaissance zig verschiedene Auslegungen der Regeln gegeben hat. So gab es seinerzeit mannigfaltige Formen der Rochade bis hin, daß in bestimmten Regionen der Doppelzug mit König und Turm überhaupt nicht vorkam, wie es auch in der Ströbecker Spielweise keine Rochade gibt. Erst im Zuge der Weiterentwicklung des Schachgedankens über England, Frankreich und später auch Deutschland wurde die Verschiedenheit der Spielsysteme in ein einheitliches Regelsystem verpackt, das wir heute als das moderne Schach kennen. Im Angesicht dessen erscheint es denkbar, daß dieser Freudensprung in Ströbeck entstanden ist, zumal es im europäischen Vergleich keine Entsprechung dazu gibt.

RK: Richtig. In dem Buch "A History of Chess" aus dem Jahre 1913 von H. J. R. Murray, der das Kurierschach hier in Ströbeck untersucht hatte, erwähnt er unter der Rubrik Schach in Asien die Ströbecker Spielweise mit den Freudensprüngen. Offensichtlich lagen ihm damals Vergleiche zu Asien im Sinn.

SB: Wird das Kurierschach in Ströbeck heute überhaupt noch gespielt?

RK: Bis 1945 ist es in der Schule noch unterrichtet worden. Meine Mutter zum Beispiel hatte Schachunterricht mit dieser Aufstellung. Aber dann sagte man sich, wenn wir irgendwo noch ein Spiel gewinnen wollen, müssen wir uns an diese andere Aufstellung gewöhnen, die man übrigens die Leipziger Aufstellung nannte. So begann man, den Kindern in Ströbeck die internationalen Regeln beizubringen.

SB: Wie kam man überhaupt auf die Bezeichnung Leipziger Aufstellung?

RK: Der Deutsche Schachbund ist in Leipzig gegründet worden. Es gab auch in Ströbeck regionale Kongresse, wie zum Beispiel die des Harzer Schachbundes. 1995 hat auch der Deutsche Schachbund hier seinen Kongreß abgehalten, als wir 1000 Jahre Ströbeck gefeiert haben. Das Dorf wird 995 das erste Mal urkundlich erwähnt.

SB: Das Logo des Museums enthält die Figur des Schleichs aus dem Kurierschach. Das Spielbrett ist noch vorhanden, aber es gibt keine Figuren dazu. Hat das einen Grund?

RK: Man liest in der Literatur, daß sie abhanden gekommen seien. So befindet sich auch bei dem Kurfürstenbrett hinten auf der Rückseite das Spielfeld für das Kurierspiel. In alten Schriften wird berichtet, daß es dafür auch Figuren gegeben hat, die aber verlorengegangen sind.

SB: Sind nicht einmal mehr Aufzeichnungen oder Bilder bzw. Motive auf Gemälden erhalten?

RK: Nein, bis auf Selenus, also zu der Zeit, als die erste Ausgabe seines Buchs in Leipzig herausgegeben wurde. Das muß zwischen 1600 und 1606 gewesen sein. Darin ist eine Erklärung zu finden, wie die einzelnen Figuren im Kurierschach gezogen haben.

Holzfigur des Schleichs aus dem Museum - Foto: 2013 by Schattenblick

Schleich läßt tief blicken
Foto: 2013 by Schattenblick

SB: Die Figur des Schleichs, die auch im Museum ausgestellt ist, scheint dem Eulenspiegel nachgebildet zu sein.

RK: Sie meinen diese Holzfigur. Als wir das neue Museum 2006 einweihten - wir hatten ein kleineres Museum vorher im Häuschen neben dem Turm - wurde der Schleich von einem Holzbildbauer nachgearbeitet. Selenus hat die Figur in seinem Buch als Ratgeber der Dame beschrieben, die eher ein lustiger Typ war, während der König einen ernsthafteren Berater an seiner Seite hatte, den die Ströbecker einfach als Mann bezeichneten.

SB: Sie sagten, erst ab 1909 wäre das Lebendschach in Ströbeck dokumentierbar.

RK: Stimmt. Damals fand hier ein Schachkongreß statt, auf dem man auch Lebendschach aufgeführt hat. Die Kostüme hatte man sich in Halberstadt ausgeliehen oder machen lassen. Im Gasthaus zum Schachspiel gibt es im oberen Stockwerk einen Saal. In den Parkettfußboden dort hat man ein großes Schachbrett eingelassen. Man hatte sich auf den Kongreß sehr gründlich vorbereitet und wollte die prominenten Gäste mit einer Lebendschachpartie in Ströbeck empfangen. Es wurden zwei Partien vorgeführt, eine berühmte und dann noch eine freie Partie, bei der die beiden Spieler etwas erhöht saßen.

SB: Es gab in Ströbeck also vorher keine Strukturen in diesem Sinne.

RK: Nein, die gab es damals noch nicht. Man hat dieses Brett im Parkett praktisch für den Kongreß erst hergerichtet.

SB: In der berühmten US-Zeitschrift National Geographic ist in der Ausgabe von Mai 1931 ein Artikel von Harriet Geithmann mit dem Titel "Ströbeck - Home of Chess" erschienen. Das heißt, es muß vorher einen Besuch aus den USA hier gegeben haben.

RK: Ja, sie waren im August 1930 hier. Die Leute haben mächtig geschwitzt und beschreiben das auch nett. Aber noch ein Hinweis zu dem Schach allgemein: Die erste schriftliche Aufzeichnung über Schach in Ströbeck stammt aus dem Jahr 1515, als man den Ströbeckern ein Schachbrett zum Geschenk machte. Es gibt aus der Zeit auch Berichte, denen zufolge Ströbecker von den umliegenden Fürsten auf ihren Hofsitz eingeladen wurden, um mit ihnen eine Partie Schach zu spielen.

SB: Daß Adlige Schach gespielt haben, läßt sich in der Geschichte leicht nachweisen. Überhaupt ist die Minne nicht unwesentlich um das Schach herum aufgebaut worden, weil sich die Liebenden am Schachbrett heimlich ein Stelldichein gaben. Allerdings ist die Vorstellung, daß Bauern aus einem Dorf Schach gespielt haben, erst einmal ungewöhnlich. Wenn man sich dann noch vorstellt, daß diese Leute den ganzen Tag auf den Feldern schufteten, während die Fürsten die Muße hatten, sich gründlich mit dem Schach auseinanderzusetzen, wirkt die Erzählweise, daß sie die Bauern zu sich holten, um mit ihnen eine Partie Schach zu spielen, ziemlich befremdlich. Eigentlich hätten die Aristokraten auf ihrem Hof Spielpartner genug haben müssen. Daß den Ströbeckern von einem Adligen zudem ein Schachbrett zum Geschenk gemacht wurde, damit sie das Spiel lernen und er so künftig auf Spielgenossen zurückgreifen kann, ist nicht weniger irritierend. Läßt sich in dieser Hinsicht irgend etwas festmachen?

RK: Bei der Besichtigung eines Schlosses in der Nähe von Berlin, das dem großen Kurfürsten gehörte, der uns dieses Schachbrett geschenkt haben soll, sagte der Führer, der in meinen Augen sehr kompetent wirkte, daß es eigentlich unüblich war, daß Fürsten irgend etwas an das Volk verschenkten. Es war eher üblich, daß das Volk seinem Herrn huldvoll Geschenke überbrachte. Darüber gibt es auch Berichte wie zum Beispiel, daß eine Delegation aus Ströbeck zur Krönung eines Preußenkönigs nach Berlin reiste und ein Schachbrett als Huldigungsgeschenk überreichte. Aus dieser Zeitepoche läßt sich noch einiges belegen. So wurden sogenannte Krönungsmedaillen an die fünf Mitglieder der Delegation sowie eine für die Gemeinde ausgehändigt. Allerdings sind diese Medaillen verlorengegangen, ebenso wie die Figuren zu dem Brett des Kurfürsten. Es sind in der Vergangenheit immer wieder Leute nach Ströbeck gekommen und haben dann in Schachzeitungen in London und Paris darüber berichtet. Daraus erfahren wir vieles über unsere Dorfgeschichte; aber vieles ist auch verlorengegangen. Wir hatten die Nazi-Zeit und dann die sowjetische Besatzung. Da ist vieles versteckt worden oder verbrannt.

SB: Es heißt, die Amerikaner hätten die Kostüme des Lebendschachs mitgehen lassen.

RK: Ja, so stand es in einer Schachzeitung von 1967. Die Amerikaner sind am 11. April 1945 hier in Ströbeck einmarschiert. Es ging ganz friedlich zu, irgendwo am Kirchturm hing eine weiße Fahne. Die Amerikaner sind dann hier rein und sollen diese Kostüme angezogen und angeblich damit auf ihren Panzern durchs Dorf gefahren sein.

Renate Krosch übt Kritik an den Ströbecker Legenden - Foto: © 2013 by Schattenblick

Engagiertes Debattieren
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Haben sie Zweifel an dieser Geschichte?

RK: Der Artikel stand 1967 in einer Schachzeitung, aber es hieß darin, Augenzeugen berichteten es so. Die Situation, als die Journalisten aus dem Westen 1967 hierherkamen, war ein bißchen kompliziert, denn nicht jeder durfte mit ihnen Kontakt aufnehmen.

SB: So erscheint die Geschichte, daß die Amerikaner hierhergekommen sind und die Kostüme gestohlen haben, also ideologisch glaubhaft.

RK: Es ist nicht so, daß sie den Ströbeckern alles genommen haben. Im Grunde können wir froh sein, daß die Amerikaner zuerst hier waren. Vier Wochen später kamen die Engländer und dann Anfang Juli 1945 die Russen. Sie haben dann gründlich aufgeräumt.

SB: Herr Cacek erzählte mir, daß diese Huldigungsgeschenke mit dem Erhalt von Privilegien für das Dorf verbunden waren. Könnten Sie etwas dazu sagen?

RK: Es wird immer wieder behauptet, daß es in der Geschichte des Dorfes Steuererleichterungen gegeben hätte oder daß dieser Preußenkönig, zu dem die Delegation anläßlich seiner Krönung gereist war, den Ströbeckern bestimmte Privilegien versprochen habe. Aber es ist jetzt nicht so, daß ich ein richtiges Dokument dazu gefunden habe.

SB: Es müßte sich ansonsten anhand schriftlich fixierter Steuerabgaben leicht nachvollziehen lassen, ob Ströbeck im Vergleich zu anderen Dörfern weniger von der Abgabelast bedrückt wurde.

RK: Das kann man nicht belegen, jedenfalls nicht schwarz auf weiß, obwohl ich mich seit 30 Jahren mit der Dorfgeschichte beschäftige. Vielleicht findet sich irgendwann einmal ein Nachweis. Wie gesagt, wir konnten lange Zeit nicht in die Archive.

SB: Sie sind eine Pionierin auf diesem Feld.

RK: Hier im Dorf auf jeden Fall.

SB: Es gibt viel Literatur darüber, daß reisende Forscher im 19. Jahrhundert oder auch früher hier im Dorf waren und dann ihre Eindrücke in Magazinen oder in Buchform geschildert haben. Das sind aber allenfalls Auszüge aus der Ströbecker Dorfgeschichte; es ist noch keine Forschung im engeren Sinne. Was sie wirklich gesehen oder erfahren haben, läßt sich nicht auf den Daumen genau bestimmen. Die Ströbecker Schachtradition ist allem Anschein nach eine sehr junge Forschungsrichtung. Sie selbst sind, wie Sie sagten, seit 30 Jahren an dem Thema dran. Gibt es noch andere Personen, die diesen Fragen nachgehen?.

RK: Wirklich geforscht wird nicht. Ich weiß nur, daß sich Sammler auf Ströbeck spezialisiert haben. Sie suchen dann seltene Schachbretter oder -figuren. Das sind Leute aus dem Chess Collectors International. Dann gibt es andere, die Schachbücher sammeln. Aber daß tatsächlich zum Thema Ströbeck geforscht würde, kann ich nicht bestätigen. Mir sind nur Sammler speziell von Ströbecker Exponaten bekannt, die alles kaufen, was mit dem Schachdorf zusammenhängt.

Hof eines Ströbecker Großbauern - Foto: © 2013 by Schattenblick

Großes Scheunentor für reiche Ernte
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Erfahren Sie keinerlei Unterstützung?

RK: Ich hatte einmal Kontakt zu einer Indologin, die ins Dorf kam. Sie arbeitete im Völkerkundemuseum in Leipzig und versuchte, irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen der indischen Tabiya und der Ströbecker Aufstellung herauszufinden. Es ist schwer, auf diesem Feld zu Ergebnissen zu kommen, die sich auch belegen lassen. Es gibt noch zwei Dorfchroniken, eine aus dem 18. Jahrhundert von einem Halberstädter namens Lucanus, und eine aus dem 19. Jahrhundert von einem Ströbecker Großbauern, aber die müßten noch erforscht werden.

SB: Es wurde noch nicht in Angriff genommen?

RK: Nein. Die Sache ist auch so, daß ich zwar Mathematik und Physik unterrichte, aber bei meinen eigenen Recherchen habe ich irgendwann feststellen müssen, daß mir das spezielle historische Wissen und die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden fehlen. Ich habe vor ein paar Jahren damit angefangen, Kulturwissenschaften im Teilzeit- und Fernstudium zu absolvieren. Darüber habe ich zwar eine Menge gelernt, aber ich möchte es erst zu Ende bringen, ehe ich mich wieder der Forschung zur Ströbecker Schachgeschichte widme. Ich habe mich zwar in den letzten 20 Jahren nach der Wende besonders auf unsere Schachgeschichte gestürzt, verbunden mit der Idee, daß man das vielleicht touristisch auswerten könnte, aber bisher ist das alles nicht so gelaufen, wie man es hätte vermuten können.

SB: Zur Jubiläumsfeierlichkeit heute waren eher Gäste aus der ländlichen Umgebung gekommen, aber es war kein touristischer Auflauf mit Bussen und Fernverkehrsverbindungen.

RK: Es gibt schon Übernachtungen. Am letzten Maiwochenende fand in Ströbeck ein internationales Schachturnier statt. Da haben hier über hundert Leute übernachtet, aber die meisten von ihnen haben persönliche Freunde im Dorf, bei denen sie sich dann einquartieren. Es sind immer dieselben, die kommen oder sich gegenseitig einladen. Das klappt schon, aber wenn man hier ein Zimmer vermieten will, geht das nicht. Ich selber habe einmal zwei Ferienwohnungen betrieben und mußte sie wieder schließen, weil nicht genügend Leute gekommen sind.

SB: Neben der Forschung nach dem Ursprung der Ströbecker Schachtradition kann man sich natürlich auch die Frage stellen, wie das Schachspiel überhaupt entstanden ist. Dazu wurden verschiedene Überlegungen angestellt. Da wird zum einen die Ansicht vertreten, Indien sei die Wiege und das Mutterland des Schachspiels. Andere Historiker sind den Wegen seiner Verbreitung vom Persischen Großreich über die verschiedenen Reiche der Araber und Beduinenfürsten bis nach Europa nachgegangen. Aber das sind vor allen Dingen Königsgeschichten, in denen man mehr über den Austausch der Großreiche erfährt als über das Schachspiel selbst. Eine andere Forschungsrichtung, die jedoch eher eine Randerscheinung darstellt, befaßt sich mit dem Brett und den Figuren als den Rudimenten einer fast vergessenen Kunst. Das Brett ist beliebig; es kann aus Holz bestehen oder aus einem Tuch mit kariertem Muster. Man könnte auch sagen, das Brett ist im Grunde ein ritualisiertes Symbol für den Platz unmittelbar vor einem Menschen, auf den er Figuren, Steine oder eben auch verschiedene Knöchelchen wirft. Manche Historiker und Kulturforscher halten das Schachspiel daher für eine säkularisierte Form des archaischen Knochenwerfens, bei dem es um die Deutung der Zukunft gegangen sein soll. Könnten Sie aus Ihrer eigenen Forschung etwas dazu sagen?

Renate Krosch gestikuliert - Foto: © 2013 by Schattenblick

Jedes Detail aufschlüsseln
Foto: © 2013 by Schattenblick

RK: Das war mir bisher nicht bekannt. Da müßte man sich sicherlich erst einmal mit der Erforschung der Spiele insgesamt und mit der Spieltheorie im besonderen beschäftigen. Wo wir gerade von Brettern und Figuren sprechen, fällt mir noch etwas anderes ein. Wenn Fürsten Schach gespielt haben, wurde das meistens aufgezeichnet. So ist Selenus zum Beispiel nach Italien gereist und hat hinterher alles aufgeschrieben, was er gesehen hat. Aber es ist durchaus möglich, daß das Schachspiel den Weg über die Handelsrouten genommen hat, nur daß das eben nicht aufs Papier gebracht wurde. Es wäre zumindest eine denkbare Möglichkeit, daß das Schachspiel von den einfachen Leuten in der Kneipe oder unterwegs von einer Herberge zur anderen praktiziert und so über ganz Europa verbreitet wurde.

SB: Quasi als Handelssprache im übertragenen Sinne.

RK: Man trifft sich in einer Herberge irgendwo in Europa oder in Asien beziehungsweise Arabien. Leute aus dem Osten treffen auf Leute aus dem Westen, Süden, Norden, und man spielt miteinander, aber niemand schreibt es auf. Am nächsten Tag werden sie wieder aufbrechen, aber bis dahin wollen sie sich die Zeit gern vertreiben. Die heutigen Möglichkeiten gab es damals nicht. Und weil man vielleicht die Sprache der anderen Gäste in der Herberge nicht gesprochen hat, wurde statt dessen eben gewürfelt, mit Karten oder Schach gespielt, weil es Regeln folgt, die jeder sofort verstand. Schach wurde auch in den Klöstern gepflegt. Es ist ein intellektuelles Spiel, aber kein Glücksspiel. Die Kirche hat es mal verboten und mal erlaubt, je nachdem, wer auf dem Papststuhl saß. Man muß sich auch überlegen, daß die Bretter und Figuren an den Fürstenhöfen häufig schon für sich einen Wert darstellten, weil sie aus kostbarem Material bestanden oder die Figuren wie Kunstwerke gehandelt wurden. Währenddessen hat man in den unteren Bevölkerungsschichten wahrscheinlich nur mit Holzfiguren gespielt, jedenfalls aus einem Material, das die Zeit nicht überdauert oder das notfalls, wenn gerade kein Feuerholz verfügbar war, verheizt wurde, um sich zu wärmen oder Suppe zu kochen.

Gemaltes Bild mit Ströbeckern in Badehose und Bikini - Foto: © 2013 by Schattenblick

Blick nach Wijk aan Zee - Wandgemälde im Innenhof des Museums
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Die Kulturdörfer haben mit Wijk aan Zee in den Niederlanden ihren Anfang genommen, als sich der Badeort an der Nordsee gegen infrastrukturelle Großprojekte zur Wehr gesetzt hat, denen es offenbar weichen sollte. Da Wijk aan Zee selbst eine Schachtradition besitzt, bot sich Ströbeck als Partnerdorf im Projekt wie selbstverständlich an. Inzwischen gibt es einen regelrechten Verbund von elf Kulturdörfern aus ganz Europa, die von Brüssel Zuschüsse erhalten. Wird sich die Betonung der regionalen Identität, für die die Kulturdörfer stehen, auch in Zukunft durchsetzen können?

RK: Das werden wir sehen. Es stimmt tatsächlich; die ganze Bewegung ging von Leuten aus dem Schachverein in Wijk aan Zee aus. Dort gibt es alljährlich dieses große Hochofenturnier. Das Stahlwerk hat inzwischen der indische Konzern Tatra aufgekauft. Zwischendurch war es auch in den Händen von Corus. Zwei Personen aus dem Schachverein sind im Grunde genommen durch ganz Europa gereist und haben sich Dörfer für ihr Projekt zusammengesucht. 1998 standen sie ohne Anmeldung vor unserer Haustür und sagten, paßt auf, wir wollen die Rolle der kleinen Dörfer in einer immer größer werdenden Europäischen Union stärken. Wir wollen nicht, daß die Städte auch bei uns reinreden und über unsere Köpfe hinweg Entscheidungen treffen. Offenbar war eine Landebahn in der Nähe von Wijk aan Zee geplant und auch das Stahlwerk sollte vergrößert werden. Wijk aan Zee lebt jedoch vom Tourismus, direkt hinter den Dünen ist die Nordsee. Der Strand ist ihre Haupteinnahmequelle. Sie fragten also an, ob wir in dem Projekt mitmachen wollten.

SB: Das heißt, die Dörfer haben die Initiative ergriffen und die Politiker in Brüssel das Projekt abgesegnet.

RK: Die Dörfer haben das einfach gemacht. Es gibt bis heute im Grunde genommen keine offizielle Vertretung, die nach den Gesetzen der EU anerkannt ist, obwohl das einige immer wieder gefordert haben. Praktisch ist es eine lockere Vereinigung, aber wenn ich jetzt Fördermittel haben will, dann stelle ich einen Antrag in Brüssel und sage, ich will die und die einladen und habe das und das vor. Das muß natürlich geplant und genau begründet werden. So haben wir das gemacht, als wir hier in Ströbeck 2006 Gastgeber für die anderen Kulturdörfer waren. Ursprünglich waren es zwölf Dörfer, aber die Engländer sind inzwischen ausgestiegen. Jetzt, nachdem alle Dörfer Gastgeber waren, geht es in dieser Weise nicht mehr weiter, auch weil das Geld fehlt. Die Zusammenkünfte erfolgen inzwischen mehr oder weniger spontan wie jetzt die Einladung an die Tanzgruppe aus Tschechien für die Jubiläumsfeierlichkeiten in Ströbeck. Sie soll sehr gut sein, weil es in dem tschechischen Dorf eine Kunstschule gibt.

Willkommensgruß der Ströbecker an die Kulturdörfer - Foto: © 2013 by Schattenblick

Kulturdorfplakat vom Gastgeber Ströbeck im Innenhof des Museums
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Als Ortschronistin steht man sicherlich vor der Herausforderung, auf der einen Seite das Brauchtum, das sich im Dorf über Jahrhunderte entwickelt hat, in seiner Einzigartigkeit für die Nachwelt zu dokumentieren, aber auf der anderen Seite hat man als Forscher natürlich auch den Anspruch, die Hintergründe und vielleicht auch Fehlinterpretationen aufzudecken, weil die Legenden möglicherweise nicht so gewachsen sind, wie sie hier im Dorf gelebt werden. Ist das Entmystifizieren für Sie eine haarige Angelegenheit, weil Sie selbst aus Ströbeck stammen?

RK: Das ist es. Wenn ich jetzt beispielsweise einen Artikel über das Datum 1688 verfasse und dann eben schreibe, daß es sich in keiner Heimatzeitschrift nachweisen läßt, dann muß ich schon damit rechnen, daß ich der Bösewicht bin. Wie heißt es doch so schön, der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Damit mache ich mich nicht überall beliebt.

SB: Sie haben mehrere Bücher über die Ströbecker Schachtradition verfaßt. Wie sehr sind Sie darin dem Mythos zu Leibe gerückt?

RK: In den Büchern überhaupt nicht. Das war praktisch die erste Station. Alles fing damit an, daß ab 1989 die Grenzen offen waren und jede Menge schachgeschichtlich interessierter Leute aus ganz Europa hierherkamen. Auch Fernsehleute oder solche aus der Zeitungsbranche waren darunter. Sie hatten natürlich vorher akkurat recherchiert und erzählten uns Sachen über unser Dorf, die wir gar nicht wußten. Was habe ich mich da geschämt; so peinlich war mir das. Aber woher sollten wir das auch wissen? Die Archive waren uns ja verschlossen. Da habe ich mir gesagt, das soll dir nie wieder passieren. In Westdeutschland wäre es kein Problem gewesen, zum Beispiel diesen Artikel in der National Geographic in irgendeiner Bibiliothek zu finden. Jetzt kann man die Exemplare sogar übers Internet in einem Antiquariat in den USA kaufen. Deshalb hatte ich in einem ersten Schritt damit angefangen, alles zu sammeln, was es über Ströbeck zu finden gab. So sind die Bücher als Dokumentensammlung ohne einen wissenschaftlich kritischen Anspruch entstanden.

SB: Planen Sie Folgebände mit fundierter wissenschaftlicher Kritik?

RK: Ja, ich kümmere mich darum. Im Augenblick lerne ich wissenschaftliches Arbeiten. Denn als ich 1972 meine Diplomarbeit für Lehrer geschrieben habe, war die Arbeitsweise noch ganz anders. Es gab keine Computer, nur Zettel und so. Meine Anfangsidee war es gewesen, erst einmal alles zusammenzutragen, weil sich daraus eventuell ein Tourismuskonzept entwickeln ließe. Jetzt sage ich mir, man muß das alles hinterfragen und die Quellen auch akkurat erforschen. Als ich die Bücher schrieb, war ich im Stadium der Jäger und Sammler.

SB: In der heutigen Lebendschachaufführung kam der Moderator noch einmal kurz auf die Ströbecker Schachbräuche zu sprechen. Einer davon war besonders frappant. So mußte ein Bräutigam in alten Tagen erst eine Partie Schach mit dem Dorfschulzen austragen, ehe er an den Traualtar treten durfte. Wie mag so eine Sitte entstanden sein?

RK: In der Ströbecker Chronik aus dem 19. Jahrhundert steht, daß der Bräutigam 16 Taler bezahlen mußte, wenn er verlor. Der Grund für die Sitte ist, daß die Gemeindekasse knapp war.

SB: Das leuchtet sofort ein. Wenn man keine Steuern erheben kann, greift man eben auf so etwas zurück. Der Moderator erzählte noch eine andere Geschichte, die ich sehr interessant fand. Es ging dabei um den Teufel, der lauthals klagte, daß ihm aus aller Welt Sünder zuflossen, nur nicht aus Ströbeck. Die Ströbecker seien zwar nicht tugendhafter als andere, hätten jedoch, weil sie Schach spielten, keine Zeit, Dummheiten anzustellen. Wäre das nicht ein staatstragendes Ideal, Bürger zu haben, die keinen Aufstand oder Ärger machen, weil sie mit dem Schachspiel beschäftigt sind?

RK: Das mit dem Teufel ist natürlich eine Erfindung. Als wir 2006 Gastgeber der Kulturdörfer waren, ist ein Theaterstück geschrieben worden, das die Ströbecker Geschichte behandelt. Später ist es auch als Musical vertont worden. Um die ganze Sache interessant und spektakulär zu gestalten, traten in dem Stück der Teufel und mehrere Hexen auf. Die Engländer waren ganz begeistert und riefen: "The witches! The witches!" Die Hexen waren leicht bekleidet, und darüber freute sich Europa.

SB: Aber ein Teil der Mythen ist durchaus sehr modern.

RK: Ja, aber daß die Ströbecker so friedlich sind, stimmt nicht. Als hier in der Nähe eine Putenmastanlage aus Niedersachsen mit hunderttausend Tieren installiert werden sollte, sind die Ströbecker ganz schön auf die Barrikaden gegangen. Da war der Saal drüben im Gasthof zum Schachspiel rappelvoll.

SB: Die Ströbecker haben sich dagegen gewehrt und die umliegenden Bauern mobilisiert?

RK: Ja, aber das kommt natürlich darauf an, welche Einstellung die Bauern zu den großen Mastanlagen haben. Wir haben nichts gegen die Bauern. Hier im Dorf gibt es noch zwei Bauernfamilien, die praktisch das Ackerland und die großen Flächen von der LPG übernommen haben. Ein Bauer hält noch Kühe, während der andere nur Getreide anbaut. Der Boden hier trägt gut. Deshalb waren die Ströbecker Bauern in der Vergangenheit ziemlich wohlhabend, auch weil neben Weizen noch Zuckerrüben gut gediehen. Und mit Zucker war in früheren Zeiten richtig Geld zu verdienen. Deshalb sind die Kostüme für das Lebendschach auch so vornehm. Das sind originale, teilweise bis ins kleinste Detail nachgearbeitete Trachten. Die Großbauern, nicht die kleinen Arbeiter, trugen hier sonntags, wenn sie zur Kirche gingen, Samt und Seide.

SB: Ich hatte mich bei der Aufführung schon gewundert. Die Kostüme für den Großbauern und die Großbäuerin erinnerten mich eher an gutbürgerliche Herrschaften.

RK: Die Trachten trug man tatsächlich so um 1850. Die Kostüme für das Lebendschach sind den Originaltrachten nachempfunden und 2006 an die Ensemblemitglieder übergeben worden. Teilweise gab es diese Stoffe gar nicht mehr, so daß sie nachgewebt werden mußten. Das ist wirklich eine ganz edle Angelegenheit.

Über ein Schachbrett gebeugt - Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Renate Krosch

Urgroßmutter von Renate Krosch
Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Renate Krosch

SB: Apropos Tradition: Auf Ihrer Website habe ich das Bild einer älteren Dame gesehen.

RK: Das ist meine Urgroßmutter.

SB: Hat sie tatsächlich hier in Ströbeck Schach gespielt?

RK: Das hat sie. Allerdings ist das Bild eine kleine Mogelei. Wie das bei Fotographen häufig der Fall ist, werden die Akteure, die aufs Foto sollen, drapiert. Wenn man genau hinschaut, wird man sehen, daß die Stellung auf dem Brett nicht paßt. Aber meine Oma konnte wirklich Schach spielen. Sie ist auch als einzige Frau mit den Männern in den Krog gegangen und hat mit ihnen Schach gespielt. Vor 60 oder 80 Jahren war es nicht üblich, daß Frauen mit den Männern in der Kneipe saßen. Aber meine Urgroßmutter hatte eine kleine Unart. Sie konnte nicht verlieren und hat dann gleich die ganzen Figuren vom Brett geschmissen. So fanatisch sieht sie auch aus. Sie war eine einfache Landarbeiterin. Und wenn man sich einmal ihre Hände anschaut, dann sieht man, wie abgearbeitet sie sind.

SB: Ich habe im Museum alte Aufnahmen von Ströbeck gesehen, auf denen Frauen und Mädchen, vom Kleinkind bis zur Greisin, am Türeingang saßen und über eine Stellung auf dem Brett nachgrübelten. Mag sein, daß viele dieser Aufnahmen gestellt sind und nicht die Realität wiedergeben. Allerdings haben Frauen Anfang des vorigen Jahrhunderts auch im Schach darum gekämpft, gleichbehandelt zu werden. Vera Menchik war die erste Frau gewesen, die es sich nicht nehmen ließ, an Männerturnieren teilzunehmen. Sie war auch die erste Weltmeisterin in der Schachgeschichte. Jedenfalls habe ich beim Anblick der alten Bilder gedacht, vielleicht hat sich hier in Ströbeck tatsächlich eine emanzipatorische Linie beim Schach durchgesetzt.

RK: Nicht in der Kneipe bei den Männern, aber insgesamt haben die Frauen und Mädchen hier in Ströbeck immer Schach gespielt und waren auch gleichberechtigt. So konnten alle sozialen Schichten an den Schachexamina in der Schule teilnehmen; Jungen und Mädchen waren da völlig gleichgestellt. Das Problem ist bloß, daß man sich als Frau abends nicht in die Dorfkneipe getraut hat. Als ich jung war, bin ich auch nicht einfach so allein da hineingegangen. Dort saßen häufig die Landarbeiter von der LPG in ihren Arbeitsklamotten und tranken Bier. Da ging es immer laut zu. Alles war verraucht. Richtig ist allerdings, und darüber sind auch Diplomarbeiten geschrieben worden, daß die Mädchen, sobald sie im Verein spielen, irgendwann abspringen. Die Schule ist noch ein geschützter Raum. Da haben die Mädels noch alle Chancen. Bis vor wenigen Jahren war es im Schachverein üblich, daß geraucht und getrunken wurde. Hier in Ströbeck ist Schachspielen immer mit Trinken verbunden. Deshalb die vielen Bierstände.

SB: In der Schule gab es also keine Trennung. Alle konnten Schach spielen, zumal es auch ein Pflichtfach war.

RK: Ja, es war Pflichtfach. Auch in der DDR-Zeit wurde der Schachunterricht durchgeführt. In den Jahren vor 1945 ist es nur im Winter gelehrt worden, weil die Landarbeiterkinder im Sommer auf dem Feld mitarbeiten mußten.

Frauen und Mädchen spielen im Toreingang Schach - Foto: © 2013 by Schattenblick

Das Essen kann warten...
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Demnach sind die Bilder nicht einfach gestellt, sondern im Ströbecker Schach gab es in diesem Sinne tatsächlich eine Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine Frau, die Schach spielt, galt in Ströbeck nicht als sozial geächtet.

RK: Stimmt. Es war in Ordnung. Es gehörte dazu.

SB: Das wäre dann durchaus eine Tradition, die es wert ist, erhalten zu werden. Beim Gespräch mit Josef Cacek ist mir klargeworden, daß man ungeachtet der wirtschaftlichen Enge und Not immer darum gekämpft hat, diese Schachtradition am Leben zu erhalten, und daß dies in erster Linie durch Privatinitiativen getragen wurde. Zur DDR-Zeit hat es nicht so viel Hilfe von den Institutionen gegeben. Man war dem Ströbecker Schach gegenüber zwar freundlich gesonnen, hat sich aber um seinen Erhalt nicht sonderlich gekümmert. Aber immerhin hat die DDR-Kulturbehörde das Lebendschachensemble auf der Leipziger Schacholympiade 1960 auftreten lassen.

RK: Die Schacholympiade in Leipzig war das größte Ereignis, das die DDR hatte. Dorthin fuhr dann auch eine Lebendschachgruppe aus Ströbeck. Sie bekamen dafür sogar neue Kostüme, zumindest die Offiziere.

SB: Hat es hier zu DDR-Zeiten, abgesehen von den russischen Großmeistern, die in Ströbeck simultan spielten, prominenten Besuch aus dem Ausland gegeben?

RK: Wir hatten einmal eine japanische Lehrerdelegation in der Schule. Weil es draußen so kalt war, gab es eine Lebendschachvorstellung in der Turnhalle. Die Japaner sind bekannterweise immer mit Kameras ausgerüstet. Jedenfalls schauten sie gar nicht so genau auf das Geschehen, sondern krabbelten beinah an den Wänden hoch, um den besten Platz zum Fotographieren zu bekommen; aber ein Treffen unter den Lehrern fand nur im Beisein von Parteisekretär und Schulleiter statt. Die DDR hat die Tradition des Ströbecker Lebendschachs als Vorzeigeobjekt benutzt, weil es sich gut verkaufen ließ. Kurz nach der Wende kam noch einmal eine japanische Lehrerdelegation aus Osaka hierher. Dann durften alle dabei sein, auch ich, obwohl ich kein Wort Englisch sprach, was ich sehr bedauerte, denn ich war neugierig und wollte so viel wissen. Deshalb habe ich mich später noch einmal aufgerafft, Fremdsprachen zu lernen. In der Schule hatte ich nur Russisch gelernt.

SB: In den 80er Jahren wurde der Aufbau eines Museums zur Präsentation der Ströbecker Schachtradition in die Wege geleitet. Grundlage dafür war wieder einmal eine Privatinitiative. Das Projekt konnte zu DDR-Zeiten nicht mehr verwirklicht werden, sondern erst nach dem Anschluß der DDR an die BRD. Sind im Zuge dessen Gelder aus dem Westen geflossen?

RK: Es gab Fördermittel, oder besser gesagt, wir haben welche beantragt. Fest steht, daß das kleine Häuschen neben dem Schachturm, wo jetzt der Schachverein seine Gerätschaften, also die Bretter, Figuren und Schachuhren aufbewahrt, von Schachfreunden renoviert worden war. Sie hatten die Außenmauer abgerissen und neu aufgebaut. Das größte Problem war die Materialbeschaffung. Zu DDR-Zeiten mußte das irgendwo abgezweigt werden. Als dann die Wende kam, war die Außenfassade schon fertiggestellt. Danach konnte man Fördergelder beantragen, die 1990 noch großzügig flossen. Mein Mann war damals noch Bürgermeister. Für das Museum in dem kleinen Häuschen wurden Vitrinen und alles, was man benötigte, angeschafft. Beim Umzug in das neue Museum 2006 wurden wieder Fördermittel beantragt, weil wir in jenem Jahr im Kulturdorfprojekt als Gastgeber auftraten.

SB: Es ist ein schönes Gebäude.

RK: Ich denke auch. Eine Kulturwissenschaftlerin hat für das Museum ein spezielles Konzept entworfen, weil wir mehr als nur eine Heimatstube haben wollten, wie es sie in vielen Dörfern gibt.

Frontalansicht des Museums - Foto: © 2013 by Schattenblick

Ströbecker Schachmuseum - Steinernes Echo jahrhundertealter Traditionen
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Herr Cacek hob im besonderen hervor, daß sich in den letzten Jahrzehnten eine Art Schachkultur in Ströbeck entwickelt habe. Inwiefern wird eine Dorfgemeinschaft durch die folkloristische Pflege eines Schachbrauchtums verändert, oder anders gefragt, entsteht durch ein übergeordnetes Interesse mehr Umgang miteinander als in einer kalten Arbeitswelt?

RK: Wobei dieser Umgang miteinander jetzt im Moment hauptsächlich vom Lebendschach herrührt.

SB: Könnte es nicht auch ein wichtiges Bindeglied in der Gemeinde sein?

RK: Richtig. Es sind viele aus Westdeutschland hinzugezogen, wie auch Herr Cacek vor ich weiß nicht wieviel Jahren nach Ströbeck gekommen ist. Er gehört nun schon zum Inventar und hat diese Tradition hier aufrechterhalten. Ohne ihn wäre das wahrscheinlich schon längst untergegangen. Natürlich haben sich durch die Schachkultur neue Möglichkeiten ergeben. Das Fernsehen, der Rundfunk, Zeitungen kommen hierher, man ist im Gespräch und darf dann auch einmal in einem Spielfilm mitwirken. An dem Musical Ströpker Zeitsprünge haben sich seinerzeit fast hundert Leute von hier beteiligt. Gerade die neu hinzugezogenen Bürger sind sehr daran interessiert, daß die Ströbecker Schachtradition erhalten bleibt.

SB: Für die Fortführung der Tradition scheint das ein wichtiger Impuls zu sein.

RK: Sie wissen vielleicht noch am ehesten, was das für eine Besonderheit hier ist. So etwas gibt es sonst nirgends auf der Welt. Auch wenn nur das Datum 1515 als der Beginn unserer Schachtradition belegt werden kann, sind das immerhin fast 500 Jahre. Ich meine, wer hat das schon?

SB: Die Ströbecker Schachtradition hat wirre Zeiten überstanden, wenn man beispielsweise an das nationalsozialistische Terrorregime denkt.

RK: Wobei die Nazis das Schach insgesamt durchaus gefördert haben, weil es billig war und um die Frontsoldaten abzulenken. Darüber gibt es auch Berichte von 1944, als ein Gauleiter hier war. Da wurden schnell ein paar junge Leute zusammengesammelt, die nicht im Krieg waren, um eine Lebendschachaufführung zu machen. Dazu wurden dann verwundete Soldaten eingeladen. Natürlich hat man die üblichen Reden geschwungen. Es sollte schließlich eine Propagandaveranstaltung werden. Dann marschierten die Ströbecker in ihren alten Trachten auf. Die Nazis nutzten das für ihre Interessen aus. Es gibt auch einen Film von 1940. Einmal war eine Studentin aus Göttingen hier und sagte, an der Universität hätten Studenten, die Film und Fernsehen studieren, über den Film diskutiert. Sie sei extra gekommen, um sich das Dorf anzuschauen. Der älteste Film, den wir haben, stammt von 1927. Es ist ein Schwarz-Weiß-Stummfilm. In dieser Wochenschau gibt es einen Ausschnitt, bei dem in Pittsburgh ein Gaswerk explodiert. Im nächsten Abschnitt kommen Kinder mit Schachbrettern um die Ecke gelaufen. Das war schon eine kuriose Mischung.

Kinder an der Wasserpumpe spielen Schach - Foto: 2013 by Schattenblick

Spielzeug der besonderen Art
Foto: 2013 by Schattenblick

SB: Die Nationalsozialisten haben das Ströbecker Schach also nicht abgewürgt, sondern für ihre Zwecke eingesetzt. Es hat seinerzeit auch den Versuch gegeben, ein Arierschach in Abgrenzung zum sogenannten jüdischen Schach zu definieren.

RK: Richtig, der damalige Weltmeister Alexander Aljechin hat sich da ziemlich ausgelassen, obwohl er selbst Russe war.

SB: In Ströbeck wird seit 1823 Schach als Unterrichtsfach in der Dr.-Emanuel-Lasker-Schule gelehrt. Zu jener Zeit hat das Bürgertum immer größeren Einfluß auf die Gesellschaft gewonnen und ihre Bildungsideale und Lebenskonzepte politisch und progressiv verfochten. Könnte man sich vielleicht vorstellen, daß das Schachspiel in dem Sinne als ideologisches Instrument zur Formung der Kinder eine Rolle gespielt hat?

RK: Das Bürgertum entwickelte sich hauptsächlich in den Städten; aber hier im Dorf hatte die Einrichtung des Schulfachs Schach einen anderen Grund. Es läßt sich vermuten, daß seinerzeit die Begeisterung für das Schachspiel nicht mehr in dem Maße vorhanden war. Um einen Anreiz zu schaffen, sagte man sich, wir machen jetzt ein Schachexamen, also eine Schachprüfung für die beiden letzten Jahrgänge. Einen Unterricht in Schach gab es noch nicht. Die Schüler lernten das Schach zu Hause von ihren Eltern oder älteren Geschwistern. Es steht auch geschrieben, daß die Gemeinde drei Sätze Schachbretter und der Pastor drei Sätze Figuren spendeten. Wenn man in einem Dorf an Intelligenz oder Bürgerlichkeit denkt, dann betraf dies den Pfarrer, der studiert hatte, und die Lehrer, von denen es maximal zwei gab, wobei die Ausbildung damals für Dorfschullehrer nicht so gut war. Die Kinder mußten auch noch auf dem Feld arbeiten, und die Bauern, die den Hof erben sollten, wurden auf eine Landwirtschaftsschule geschickt, aber ein Studium gab es für sie erst im 20. Jahrhundert.

SB: Dann hätte das Schulfach Schach eine kompensatorische Funktion gehabt, um zu erhalten, was verlorenzugehen drohte. So war es dann auch sinnig, das Schachspiel ins Schulsystem einzubauen.

RK: Und den Kindern wurde ein Ansporn gegeben, indem sie diese Bretter gewinnen konnten. Diese Bretter waren sehr beliebt. Man konnte sie entweder außen an der Hausfassade oder drinnen im Flur aufhängen. Wenn man dann in die Häuser ging, hingen teilweise die Bretter von drei Generationen. Im Museum sind Gewinnerbretter noch aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt. Man sieht, daß sie richtig benutzt worden sind, notfalls auch als Schlaginstrument oder wie im Haushalt meiner Urgroßmutter als Tablett, um Einweckgläser oder was auch immer zu transportieren.

SB: Frau Krosch, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Frontalansicht des Schachturms - Foto: © 2013 by Schattenblick

Die Legende - vom Turm ging aus, was zum Turm zurück muß
Foto: © 2013 by Schattenblick


Weitere Berichte und Interviews zum Schachdorf Ströbeck unter:

Schattenblick -> INFOPOOL -> SCHACH UND SPIELE -> REPORT
http://www.schattenblick.de/infopool/schach/ip_schach_report_bericht.shtml
http://www.schattenblick.de/infopool/schach/ip_schach_report_interview.shtml


3. August 2013