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REZENSION/045: Karsten Müller - Typisch Damengambit, Orthodoxe Variante (SB)


Karsten Müller


Typisch Damengambit

Orthodoxe Variante




Buchcover: Typisch Damengambit, Orthodoxe Variante - © by Joachim Beyer Verlag

Buchcover: © by Joachim Beyer Verlag

Es hat eine eigene Bewandtnis mit dem, was im Schach gewöhnlich Theorie genannt wird. Letzten Endes folgt sie von Beginn an der Praxis der Meister. Ausgehend von den Eröffnungen hatten Theoretiker, die sich als solche verstanden und dem Schachspiel einen Leitfaden geben wollten, strategisch wertvolle Turnierpartien zu einem systematischen Bau oder Grundplan verdichtet. Allen voran hatten dabei Jean Dufresne und Max Euwe mit ihren Lehrbüchern verdienstvollen Anteil an der Entwicklung der Schachtheorie.

Eine Eröffnung gliedert sich in Varianten, wobei die populärste als Hauptvariante bezeichnet wird. Die Ideen und Motive der Eröffnungsbehandlung stammen jedoch aus der Turnierpraxis. Die Partien der Meister geben die Richtung vor, in die sich die Theorie seit ihren Anfängen bewegt. Dieser Punkt ist wichtig zu verstehen. Theoretiker analysieren Meisterpartien nach ihrem Wert für eine bestimmte Eröffnung und schaffen im Wesentlichen eine Systematisierung.

Als Turnierschach Profikarrieren begründete und Verlage mit der steigenden Popularität des Schachspiels einen Markt entdeckten, kurbelten in der ersten Zeit insbesondere Theoriebücher den Absatz an, was sich bis heute hält. An der grundlegenden Struktur dieser Werke hat sich kaum etwas geändert. Der Novize erlernt das Schach anhand der zur Theorie destillierten und aufbereiteten Duelle der Meister am Brett. Ziel hierbei ist, dass sich der Gedanke durch Nachahmung überträgt und inspirierend fortwirkt. Dies ist der klassische Weg zur Erlangung von Fähigkeiten im Schach.

Karsten Müller, der Hamburger Großmeister und anerkannte Kenner der Endspielkunst, hat sich seit 2023 auch der Eröffnungstheorie und hier besonders den Übergängen ins gestaltende Mittelspiel zugewandt und inzwischen fünf Bücher zum Thema verfasst, die einer anderen Spur und Vermittlung von Wissen folgen. In seiner Reihe Effektives Mittelspieltraining geht er davon aus, dass allein auf der Basis des Kopierens von Großmeisterpartien, indem der Lernende ihren Schritten folgt, ein essentielles Moment verlorengeht.

Sein moderner Ansatz beruht weniger auf dem Auswendiglernen einzelner Züge als vielmehr darauf, Aufgaben mit typischen Stellungsbildern der besagten Eröffnung zu präsentieren, die der Leser zunächst einmal auf eine konkrete taktische bzw. strategische Frage hin untersucht und analysiert, um dann im Lösungsteil mit der ganzen gespielten Partie konfrontiert zu werden. Hier soll er intuitiv auf der Grundlage seiner eigenen Gedanken zum Stellungsproblem die spezifischen Leitmotive einer Eröffnung und ihrer angewandten Mittelspielstrategie kennenlernen.

Karsten Müller erwähnt im Vorwort, explizit auf sein Anliegen kommend, dass Strategiebücher zum Mittelspiel ein breites Spektrum abdecken, das jedoch nicht für jeden Leser geeignet ist. So macht es wenig Sinn, dass Themenfelder wie Isolani, Hängebauern und Minoritätsangriff, die bei Eröffnungen mit 1.d2-d4 zum strategischen Handwerkszeug gehören, einem Spieler nähergebracht werden, der in der Regel mit 1.e2-e4 eröffnet. Der Autor widmet sich in seinem Lehrbuch zum Mittelspiel daher ausdrücklich jenen strategischen Positionen, die für eine bestimmte Eröffnung typisch und direkt anwendbar sind. Nach der Abtauschvariante im Damengambit, dem Königsgambit, Französisch und Spanisch beschäftigt sich sein neuestes Buch aus dieser Reihe mit der Orthodoxen Variante im Damengambit.

Sein Vorgehen, mehr als hundert Übungsaufgaben zunächst kommentarlos an den Anfang zu setzen, um sie später im Buch auf ihre strategischen Inhalte hin zu erläutern, hat den unschätzbaren Vorteil, dass der Leser so motiviert wird, sich seine eigenen Überlegungen zu machen, quasi mit den strategischen Stellungen jener Eröffnung vertraut zu werden, um dann didaktisch zu erfahren, wie die Meister tatsächlich fortgesetzt hatten. Dies erleichtert die Korrektur der eigenen gebrochenen Ansätze, die gleichzeitig unerlässlich sind für ein effektives Lernen.

Das Studieren von Bauernstruktur und Figurenspiel, ohne die keine Strategie auskommt, wird dem Leser auf diesem Wege gezielt nähergebracht, ohne dass er sich mit Nebensächlichkeiten, die seinem spielerischen Profil nicht entsprechen, im wahrsten Sinne des Wortes herumquälen muss.

Sicherlich, dieser Weg des Lernens ist steiniger, er verlangt dem Schachadepten Konzentration, Mühe und Schweißtropfen ab, verhilft aber auch zu einer umfassenden Sicht auf die Strategiefelder, die für eine ausgewählte Eröffnung typisch sind. Karsten Müllers Engagement zur Verbreitung seines Lernansatzes kommt all jenen Schachinteressierten zugute, die sich seit langem ein Strategiebuch wünschen, das primär auf ihre Eröffnungsvorlieben zugeschnitten ist.

7. November 2025



Karsten Müller Typisch Damengambit
Orthodoxe Variante
Joachim Beyer Verlag 2025
180 Seiten
ISBN 978-3-95920-229-9
 
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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