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BERICHT/003: Ben Becker im Hamburger St. Pauli Theater - Eine Stimme trägt sich vor (SB)


Eine Stimme trägt sich vor

Ben Becker liest aus "Der ewige Brunnen" im St. Pauli-Theater in Hamburg


Ein anspruchsvolles Projekt, ein traditionsschwangeres Sujet, ein historischer Ort. In einer der ältesten Spielstätten Deutschlands, im St. Pauli-Theater in Hamburg, las Ben Becker aus der in den 50er Jahren von Ludwig Reiners editierten Sammlung deutscher Lyrik aus vier Jahrhunderten.

Aus "angeblicher Verstaubtheit" wollte man die alten Schätze befreien, so die Ankündigung dieser Literatur-Performance, und entsprach damit durchaus einem Trend, deutschsprachige Gedichte und Balladen mit musikalischer Begleitung, hier durch Becker-Freund Yoyo Röhm am Klavier, neu zu inszenieren. Das ist harte Arbeit und fordert den Künstler ganz, wenn er, von sparsamst dekorierter Bühne herab, sein Publikum über fast zwei Stunden zu fesseln gedenkt.

Ben Becker

Welch besseren Magneten für ein solches Projekt hätte man sich wünschen können als Ben Becker, der nach eigenen Aussagen durch seine Familientradition eine besondere Beziehung zum 'ewigen Brunnen' hat. Und wer anderes hätte ein so großes Publikum anziehen können. Immerhin war das Theater bis auf den letzten Platz besetzt, mehr mittelalte denn junge Zuhörer, auch einige Schauspielerkollegen und Sangesbrüder darunter. Gerade für diese Altersklasse hatten die meisten Gedichte einen hohen Wiedererkennungswert - wen haben Goethes "Erlkönig" oder "Zauberlehrling", Fontanes "John Maynard" oder Geibels "Die Goldgräber" im Schulunterricht nicht auf die eine oder andere Weise beschäftigt -, doch auch einen Jungen im Publikum hörte man die Zeilen mitsprechen.

Aber dann inszenierte Becker doch in erster Linie Becker und die Balladen und deren Inhalte blieben dahinter zurück. Die rauchige, baßgrollende Stimme, die im wesentlichen auf sich selber setzte, ließ von Anbeginn die Zwischentöne vermissen, auf die es eigentlich ankommt, und die noch heute beim Hören der alten Verse das Schaudern und die Gänsehaut erzeugen.

So konnten beim "Erlkönig" gleich zu Beginn gewaltige Lautstärke und mechanischer Rhythmus als Mittel der Wahl die nötige Varianz nicht aufbringen, um die drei Ebenen dieser Ballade angemessen deutlich zu machen. Der Hörer empfand weder die Gefahr, in der das Kind schwebt, noch die Verlockungen des Todes, der eher den Eindruck eines hämisch-grausamen Gnoms erweckte; den Vater gibt Becker zu laut und zu ängstlich. Auch der übertriebene Pathos der Gesten, die eher verkrampft als dramatisch wirkten, vermochte den dröhnenden Worten nicht die nötige Erzählkraft zu verleihen und ganz sicher nicht die düstere Dramatik und den Zauber des Geschehens zu vermitteln.

Gleich schlecht wurde der dem "Erlkönig" folgende "Heideknabe" von Friedrich Hebbel erzählt und ohne Akzente, Pausen, Höhen und Tiefen, fast als Geschichte ähnlichen Inhalts abgetan, wie auch die "Goldgräber" von Emanuel Geibel als einfach 'noch ein Mord' durchgehen konnten. Beckers lapidarer Kommentar: "Ja, ja, der schnöde Mammon", erschien hier angesichts seines Umgangs mit den Gedichten in konsensheischender Oberflächlichkeit ganz logisch. Nach einer viel zu späten, mißlungen witzelnden Einführung sowie lästernden Zwischenbemerkungen entstand der Eindruck einer Belustigungsveranstaltung über ein deutsches Kulturgut. So wurde bestenfalls dem pseudointellektuellen Drang Rechnung getragen, sich über etwas, das man weder beherrscht noch verstanden zu haben scheint, die Übereinkunft der seichten Häme zu erschleichen.

Goethes "Zauberlehrling" wurde mit umständlichen Faxen und Zauberhut eingeführt, mit geballter Wucht intonierte die Stimme den Lehrling, der eigentlich verstohlen, in Abwesenheit des Meisters, einmal sein wahres Können zeigen will und zunehmend in Bedrängnis gerät. Beckers Gestik war für die kleine Bühne zu groß, die Architektur der räumlichen Gegebenheiten und seine gestikularische Mimikry paßten nicht zusammen.

Weil von vornherein überinszeniert, konnte Becker nicht variieren, sich nicht steigern, und der Genuß für den Zuhörer wurde doch eher der Ästhetik summender und brummender Motoren startender und landender Flugzeuge eines Reinhard Mey gerecht.

Peinlich das Nachstellen pseudolinks gewandeter biermannscher Standpunktlosigkeit, wenn Heine als potentieller Kommunist auf einen - wenngleich selbst bereits veralteten - Zeitgeist gebracht werden sollte: "... den Kommunismus gab es damals ja noch nicht, auch nicht den real existierenden Sozialismus, aber irgendwas war da am Flackern - glaube ich - manchmal ...".

Fragwürdig, wenn Belsazers Ermordung durch seine Untertanen als politischer Umsturz gedeutet wird und die Klavieruntermalung am Ende in Brechts Einheitsfrontlied mündet.

Unglaubwürdig, wenn das Fräulein Kunigunde in Schillers "Der Handschuh" so lächerlich dargestellt wird, daß die Liebe und Verehrung und umso mehr die furchtlose Annahme einer tödlichen Herausforderung durch den Ritter Delorges grotesk und dümmlich erscheinen und damit auch nicht der Stolz eines Menschen erkennbar wird, der sich nicht kaufen läßt. So schließt ein in der Ballade in Analyse und Dramatik packend entwickelter Konflikt, der in der Zurückweisung gipfelt: "Den Dank, Dame, begehr' ich nicht", bei Becker mit dem schnodderigen Kommentar "die blöde Kuh" und dem lapidaren Schluß: "Also, gelangweilt haben die sich auch nicht." Es festigt sich der Eindruck, daß hier in Anbetracht der Gefahr, man könnte ein allzu starkes persönliches Interesse Ben Beckers an diesen Kunstformen vermuten, auf eine professionell pseudoironische Verarbeitung reduziert wurde.

Wenn es allerdings darum ging, diese Möglichkeit der deutschen Lyrik, auf die Kunst des Erzählens höchst wirksam und bewegend zurückzugreifen, der Banalisierung, gar der Häme und dem Spott preiszugeben, dann kann der Abend als gelungen bewertet werden. Zynismus schien eben das richtige Rezept zu sein, die denkbar größte Publikumsnähe zu erreichen.

Nach überraschend frühem Ende der Vorstellung, das sich als Teil der Inszenierung herausstellte, kehrte Becker auf die Bühne zurück und rezitierte ohne weitere Erklärung Christof Meckels Gedicht "Es lässt sich leben im Wal, ..." , gefolgt noch von dem vergeblichen Versuch, Rio Reisers "Übers Meer" gesanglich nachzuahmen. Die nicht weiter erklärte Geste an Ulrike Meinhof, die in die Lorelei entglitt, zeugte eher von inszenierter Verwirrung und zur Schau gestellter Ambivalenz, eher von Trotz als von Rebellion. Trotz paßt zu Häme, Ironie und Widergeist, wie auch das Lied von Rio Reiser, die geballte Faust und die Ulrike Meinhof gewidmeten Zeilen eine bloß scheinrebellische Attitüde blieben, weil sie einfach blutleer waren.

Mit Ringelnatz' "Meine alte Schiffsuhr" und den "Ameisen" schloß die Vorstellung, begleitet von Rammsteins Ameisenarmee im Videoclip "Links 234".

Hier war nicht nur das Publikum durcheinander.

Die in der Pressemitteilung angekündigte, besondere Dramaturgie des Abends, die sich, wenn nicht aus der Darstellung, so vielleicht aus der Reihenfolge der gelesenen Werke oder auch aus in den Gedichten enthaltenen thematischen Parallelen hätte ergeben können, war nicht erkennbar. Sollte, wie vollmundig angekündigt, der Gesamtvortrag dennoch dramaturgisch transportiert und getragen gewesen sein, dann müßte das fundamentale Allgemeinverständnis des Dramas von hier ab umgeschrieben werden in sein gerades Gegenteil, will man von einigen wenigen Fragmenten einer eben mißlungenen Dramaturgie absehen.

Das war schlechtes Bühnenhandwerk, dem deutlich anzumerken war, daß Becker mit diesem Programm schon seit Monaten durch die deutsche Provinz tourt. Wer den Vortrag lebendiger Balladen erwartet hatte, dem blieb die Enttäuschung unerfüllter Versprechen.

Allerdings kann man konstatieren, daß sich ein auf diese Effekte abonniertes Publikum eingefunden hatte und zweifelsfrei seinem großen Star-Sprecher alle Ehre erwies, die es mit stehenden Ovationen und allen Zeichen der Beglückung aufzubringen vermochte. Offensichtlich waren die meisten weniger wegen der Inhalte gekommen, als um Ben Becker zu hören, ein Stück von diesem enfant terrible der deutschen Theaterlandschaft zu erleben, dem vorgeblich Unangepaßten, der natürlich auch vor klassischer deutscher Lyrik keinen Respekt hat.

Eine Stimme aus dem Publikum brachte die ganze Vorstellung auf den Punkt, indem sie kommentierend verlauten ließ: Eigentlich ist es egal, was er liest.

St. Pauli-Theater

11. März 2009