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BERICHT/054: The Bee Treasure - Versuch über kinderutopische Wirklichkeitsgleichen (SB)


Uraufführung der neuen Produktion der Tanzinitiative Hamburg am 20.08.2014 beim Sommerfestival 2014 auf Kampnagel

Außer Kontrolle



Stellen Sie sich vor, Sie werden entführt - von einem Kind, von einem wilden, unzivilisierten Kind. Es verbindet Ihnen die Augen und führt Sie in eine Welt, die seltsam unvertraut erscheint, obwohl es doch die gleiche ist, die Sie kennen - oder nicht?

So geschehen bei der neuesten Produktion der Tanzinitiative Hamburg auf dem diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel, das vom 4. bis zum 24. August auf dem Gelände der ehemaligen Kranfabrik stattfand. The Bee Treasure heißt das Stück, in dem acht Kinder, aus ungeklärten Gründen in der Wildnis alleingelassen, ihre eigenen Lebens- und Umgangsweisen kreieren.

Die Idee, Sehende ihres wichtigsten Orientierungssinnes künstlich zu berauben und in einer Dunkelwelt neue Erfahrungen machen zu lassen, ist nicht neu. Seit 25 Jahren schon bieten ausgewählte Restaurants Dinner in the Dark an, bei denen sich Sehende in völlig lichtlosen Räumen in die Welt der Blinden einfühlen und -tasten. Auf Manager-Seminaren lernen Teilnehmer beim blind walk, anderen wieder oder neu zu vertrauen, Menschen möglicherweise, denen sie vorher nie begegnet sind, um so den Teamgeist zu stärken. Die Liste ließe sich fortführen.

Aber dies hier ist anders - es sind Kinder. Sie übernehmen die Führung, bestimmen die Regeln und sie erklären sich dabei nicht.

Quaderförmiges, mit bunten Stoffbahnen verhängtes Zelt, umgeben von Bäumen unter einem ausgedienten Kran - Foto: © 2014 by Schattenblick

Das Versteck der Bee-Kinder auf dem Theatergelände
Foto: © 2014 by Schattenblick

Die Bee-Kinder haben sich zu einer Bande zusammengerottet und einen Ort gefunden - so die Geschichte zu dem Stück, die selber nicht erzählt wird -, an dem sie für sich sein können. Hinten im Garten, im Schutz des Theaters, leben sie in einem Unterschlupf, inmitten von Erde, Schmutz und Blüten. Beeren und Kräuter sind ihre Nahrung, kleine Nagetiere, Vögel und eine Bienenkönigin ihre Gefährten. Sie sind zusammen mit den Tieren verwildert. Wir wissen nicht genau, warum die Kinder alleine gelassen wurden. Man munkelt, sie seien auf der Flucht und wandern umher. In ihrer uns fremdgewordenen Welt gibt es andere Regeln und fast vergessene Träume; keine Eltern, keine Lehrer, keine Kontrolle.

Was für eine Vorstellung - in einer Gesellschaft, in der Kinder zunehmend und bereits ab ihrer Geburt unter die Knute von Fördern und Fordern gezwungen werden, in denen nicht nur Erziehungseinrichtungen, Schule und Staat, sondern auch sogenannte Helikoptereltern eine Bewachung rund um die Uhr organisieren, in der selbst das Knuddeln in Kursen gelehrt und gelernt werden muß, Fremdsprachenunterricht und mathematische Früherziehung zum präzise getakteten Alltag schon des kleinsten Nachwuchses gehört. Bestenfalls eine romantische Erinnerung der Generation 50 plus, möchte man denken; Orte, an denen Kinder unter sich und geschützt vor dem Zugriff der Erwachsenen sein können - wo gibt es sie noch?

Grüner Bienenkasten hochoben im blauen Krangerüst - Foto: © 2014 by Schattenblick

Nur mit einem forschenden Auge zu erkennen: Bienenstock auf dem Krangerüst
Foto: © 2014 by Schattenblick

Für die Performance hat Isa Melsheimer einen Platz am Rand des Kampnagelgeländes ganz nah am Wasser ausgewählt, direkt unter einem blauen, ausgedienten Kran, auf dessen Plattform ein Bienenstock wohnt, der zur Namensgebung des Stückes beigetragen hat. Das quaderförmige Zelt mißt vielleicht 5 mal 6 Meter, den Eingang bilden frei hängende farbige Stoffbahnen, wie man sie auch aus anderen Arbeiten der Künstlerin kennt. Überdacht von Plexiglas, das den Blick nach oben freigibt und auf das jetzt im August die sterbenden Bienen fallen, den Boden mit sandfarbenem Teppichboden ausgelegt, der an Strand erinnern könnte, aus der Mitte wächst ein Baum. Zwei Seitenwände sind mit Fotos dekoriert, meist Tiere, auch tote oder solche aus Plastik, Dokumente dessen, was den Kindern, die die Protagonisten und Performer des Stückes sind, lieb und wichtig ist. Gegenüber in einem Regal, gebildet aus den Streben eben jenes Krans über dem Versteck, Topfpflanzen, ein ausgedienter Bienenkorb aus Stroh, Kaninchen und ein kleiner Hamster im Käfig, ein altes Fuchskollier, Mode aus Jahren, als es noch nicht anstößig war, tote Tiere um den Hals zu tragen. Die Kinder, sagt Isa Melsheimer, unterschieden nicht so sehr zwischen den toten und den lebendigen Tieren, sie streicheln den Fuchs genauso wie das Kaninchen, wie überhaupt das Thema Tod, so die künstlerische Leiterin und Choreographin des Projektes, Barbara Schmidt-Rohr, bei der Erarbeitung eine nicht unbedeutende Rolle gespielt habe - für Kinder weitaus weniger ein Tabu ist als für Erwachsene. (1)

Fotos eines sterbenden Waldes und eines toten Hundes an der Wand des Verstecks aus gepreßten Pflanzenfasern - Foto: © 2014 by Schattenblick

Was Kinder beschäftigt: Thema Tod
Foto: © 2014 by Schattenblick

Wenn die Zuschauer - deren Zahl nicht nur wegen der räumlichen Enge auf zehn begrenzt ist - den Ort betreten, sehen sie vier Jungen und vier Mädchen zwischen 8 und 12 Jahren, gekleidet in schmucklose, pyjamaähnliche Anzüge in zarten Braun-, Blau- oder Grüntönen, die Gesichter animalisch geschminkt, die sich mit geschlossenen Augen zu den elektronischen Klängen einer eher geräuschigen als melodiösen Soundcollage vorantasten, manchmal auf zwei Füßen, öfter auf allen Vieren, sich mal berührend, mal voneinander wegbewegend, scheinbar absichtslos, ohne direkten Bezug aufeinander und doch irgendwie organisch verbunden. Wer junge Wölfe gesehen oder Hundewelpen in ihrer Wurfkiste erlebt hat, wird sich erinnert fühlen. Dann öffnen sich die Augen und die kleinen Körper bewegen sich, untereinander durchkriechend oder übereinander kletternd, immer mit engem Körperkontakt, wie eine Raupe aus verschiedenen Elementen miteinander fort auf eine Ecke des Zeltes zu, in der ein Kind reglos ausgestreckt auf dem Bauch liegt. Dort kuscheln sie sich an- und übereinander und schlafen ein.

Ein Knäuel schlafender Kinder - Foto: © 2014 by Sarah Bernhard

Fremd-vertraute Wesen
Foto: © 2014 by Sarah Bernhard

Ein Zittern, dessen Impuls für den Betrachter nicht auszumachen ist, ergreift die Körper, zuckend rollen sie auseinander. Die Bewegung, die nach und nach alle Kinder erfaßt, geht über in ein Fauchen, mit dem sich die Körper, halb Kind, halb Tier, einander nähern und auf Distanz halten, begleitet von Schlägen in die Luft oder auf die Hände des wechselnden Gegenübers, ernst, aber nicht wirklich gefährlich. Nach und nach finden sich die Protagonisten in der Mitte des Zeltes ein, wachsen zu einem Kreis zusammen und stimmen ein Geheul an, wie kleine Wölfe, das sich nach einer Weile in einem ausgelassenen Lachen auflöst. Dann ein Palaver in unbekannter Sprache, gesten- und mimikreich. Eins der Wesen nimmt vom Regal eine große Schale mit Pflaumen, sie fangen an zu essen. Es ist keine Hierarchie unter ihnen zu erkennen, eher eine regellose Verbundenheit spürbar. Dabei, kommentiert Barbara Schmidt-Rohr ihre Erfahrungen während der Proben, seien die Kinder so unterschiedlich, viel mehr, als sie das bei der Arbeit mit Erwachsenen je erlebt habe. So mache der Zuschauer eine Reise durch die verschiedenen Zustände, die Kinder haben können.

Musik setzt wieder ein, jetzt nehmen die Tier-Kind-Wesen Kontakt zu den Besuchern auf. Sie streifen an ihnen vorbei, berühren ihren Fuß mit dem eigenen, stellen sich vor ihnen auf, allein oder zu mehreren und betrachten sie, von oben nach unten und wieder zurück, sehr direkt, ohne Mimik, scheinbar ohne Gefühl. Man weiß als Betroffener nicht, ob man mit ihnen kommunizieren oder einfach gar nichts machen soll, um die Dramaturgie nicht zu stören.

Stoffmasken, Blumentopf, Holzschale und toter Fuchs auf einem Brett in den Streben des Krans - Foto: © 2014 by Schattenblick

Heimelig und unheimlich zugleich
Foto: © 2014 by Schattenblick

Dann beginnt, was die Macher das Ritual nennen. Aus dem Regal nehmen die Kinder buntgesteppte Masken, stoffliche Kreationen phantastischer Tierköpfe mit gezwirbelten Hörnern, für die ebenfalls Isa Melsheimer künstlerisch verantwortlich zeichnet, und verbinden je einem der Besucher, den sie nach unsichtbarer Absprache ausgewählt haben, damit die Augen. - Eine kleine Hand schiebt sich in meine, führt mich sanft mit sich, nach vorne, zur Seite, verharrt und zieht mich weiter. Die Bewegungen des Kindes sind vorsichtig, aber bestimmt. Mal wird mein Kopf sanft nach unten gedrückt, mal der Fuß über ein Hindernis gesetzt. Es geht abwärts, der Untergrund wird uneben. Dann nimmt mich das Kind mit beiden Händen. Ab und zu der Kontakt mit etwas Stofflichem, vermutlich einem anderen Besucher. Irgendwann werde ich an den Schulterm nach vorn gezogen, dann heruntergedrückt, so daß ich ins Sitzen komme. Wo bin ich?

Das Kind entfernt sich, kehrt zurück - ist es noch das gleiche? - schiebt etwas Kräuterduftendes unter meine Maske, schlingt ein weiches Gewebe um meine Schultern, legt etwas Feuchtes auf meine Hand, dann einen kühlen Stein hinein und führt die andere Hand dazu, ihn festzuhalten. Geklapper erhebt sich neben meinem Ohr, Gerassel, Klopfen, Hämmern, eine Art Lachsack ertönt, aber nach Art von Katzen- oder Vogelschreien. Ich überlege, ob ich Kontakt aufnehmen soll, drehe den Kopf zur Seite, so wie Hunde es tun, wenn sie Beschwichtigung signalisieren, und nicke. Die Sinne schärfen, die nicht die Augen sind, geht es mir durch den Kopf, aber das ist schon wieder Deutung, möglicherweise Überdeutung, und ab von dem Moment. Der Stein wird wieder weggenommen, ich werde hochgezogen, wieder geht es voran, seitwärts, geführt von den kleinen Händen. Die Orientierung habe ich längst verloren.

Irgendwann wird die Maske abgenommen und alle Besucher stehen, manche leicht benommen, vor dem Zelt. Keiner hat gesehen, was sich in dieser Zeit abgespielt hat, nur die Kinder, denn Zuschauer im eigentlichen Sinne gibt es hier nicht - das Stück läßt niemanden unbeteiligt und außen vor.

Ein Erwachsener mit Maske wird von einem Kind aus dem Versteck geführt. - Foto: © 2014 by Sarah Bernhard

Den Kindern die Führung überlassen
Foto: © 2014 by Sarah Bernhard

Barabara Schmidt Rohr von der Tanzinitiative Hamburg e. V., bekannt für ihre Crossover-Produktionen zwischen Tanz und Theater, Musik und bildenden Künsten, hat keine Mühen gescheut, für die Arbeit mit den jungen Performern (Roman Blackstein, Bela Brillowska, Oskar Chodzinski, Fanny Cold, Anna Foth, Nikita Gusev, Jannis Jöns-Anders und Ella Simons), die, so erzählt sie dem Schattenblick, keinen unerheblichen Anteil an der Entwicklung des Stückes hatten, namhafte Künstler zu gewinnen, darunter Frank Willens und Maria F. Scaroni (Choreografie), die bereits erwähnte Isa Melsheimer (Installation/Ausstattung/Kostüme) sowie den Theatermusiker Richard von der Schulenburg (ehemals Drei Sterne).

Trotzdem ist The Bee Treasure, die einzige Hamburger Produktion beim diesjährigen Kampnagel-Sommerfestival, ein kleines Stück, nicht nur wegen seiner zeitlichen Kürze von gerade einmal 45 Minuten, der räumlichen Begrenztheit des Verstecks, der geringen Anzahl von Performern und Besuchern oder der mit einfachsten Mitteln gestalteten räumlichen Installation. In der trotz gelungener Choreographie etwas klischeehaften Wiedergabe des Wilden vermitteln sich dem Besucher einige inhaltliche Konnotationen wie die Bedeutung des Themas Tod nicht, das Stück läßt mehr Fragen offen als es beantwortet, so die nach einer möglichen Kommunikation zwischen Kindern und Besuchern. Vielleicht liegt aber gerade darin auch eine seiner Stärken, Gedanken, Fragen, Öffnungen zu befördern, einzuladen, sich auf das Abenteuer unbekannten Terrains einzulassen, das zwangsläufig mit einer gewissen Orientierungslosigkeit beginnt.

Eine dezidierte Botschaft habe The Bee Treasure nicht, betont Barabra Schmidt-Rohr, es vermag in einer gesellschaftlichen Debatte um die zunehmende Verstrangulierung möglicher kindlicher Entwicklungen und Bedürfnisse aber einen erfrischenden wie nachdenklichen Anstoß zu geben, und besticht dabei durch leise Töne.


Anmerkung:


(1) Ein Schattenblick-Interview mit der Choreographin und künstlerischen Leiterin der Produktion, Barbara Schmidt-Rohr, über das neue Stück und die Arbeit mit den Kindern sowie ein weiteres mit der bildenden Künstlerin Isa Melsheimer und dem Dramaturgen Thomas Schaupp erscheint in Kürze unter

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25. August 2014