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BERICHT/058: Immer weiter - verstehen trotzdem ... (SB)


Das Hamburger mobile "Theater am Strom" feierte am 8. Februar im FUNDUS THEATER die Premiere seines Stückes über Obdachlosigkeit für Kinder ab 8 Jahren


Ein Theaterstück über Obdachlosigkeit für Kinder? Die Hamburger Regisseurin, Autorin und Theaterpädagogin Christiane Richers scheut sich nicht vor schwierigen Themen [1]. Mit ihrem neuen Stück "Immer weiter" begibt sie sich auf eine Gratwanderung: Wie vermittelt man Kindern, was sich mit dem Begriff Obdachlosigkeit verbindet, was sie für den einzelnen Menschen bedeutet, auf einfache Weise, ohne Klischees zu bedienen? Christiane Richers entwirft dazu die Person einer obdachlosen Frau und bringt einen Ausschnitt aus deren Alltagsleben und einen Blick auf ihre Vergangenheit auf die Bühne.


Plakat zum Stück am Eingang des FUNDUS Theaters - Foto: © 2015 by Schattenblick

Foto: © 2015 by Schattenblick

"Immer weiter" handelt von Maria. Sie hat keine Wohnung, ist obdachlos und das sind ihre Spuren: Sie wurde von ihrem Mann hinausgeworfen, weil sie angeblich keine gute Mutter war. Den Sohn behielt der Vater bei sich. Maria fand Arbeit, lebte nun in einer Wohnung im 14. Stock und konnte dann und wann ihren Sohn Thies sehen. Aber das füllte ihr Leben nicht aus. Thies nicht mehr bei sich zu haben, war schmerzlich und sie begann zu trinken. Schon in ihrer Kindheit war sie diejenige, die alles verkehrt machte, während ihr Bruder der Vorzeigesohn mit beruflicher Karriere war. Wieder und wieder von der Familie oder Vorgesetzten gesagt zu bekommen, man würde nichts taugen, drückt nieder. Immer öfter ertränkte Maria ihren Kummer in Alkohol. Dann brannte auch noch ihre Wohnung aus, und so landete sie mit nur wenigen Habseligkeiten auf der Straße.

Schwere Kost für Kinder oder die mittelbare Konfrontation mit einer Lebensrealität, in der sich viele Männer und Frauen, aber auch immer mehr Kinder befinden?

Die Zahl der Obdachlosen in der Bundesrepublik kann nur geschätzt werden. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Für das Jahr 2012 wurde angenommen, daß ca. 284.000 Menschen ohne feste Unterkunft waren. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) prognostiziert einen Anstieg der Wohnungslosenzahlen auf 380.000 bis zum Jahr 2016. [2] Des weiteren geht die BAGW davon aus, daß bundesweit 32.000 Kinder und Jugendliche ohne Obdach sind. Allerdings gibt es in Deutschland offiziell keine obdachlosen Kinder. Sind sie unter 18 Jahren, gelten sie juristisch gesehen als "obhutlos" und werden im Zweifelsfall formal der Wohnadresse ihrer Eltern oder Pflegeeltern zugeordnet. [3] Dennoch gibt es immer mehr Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, und sie werden immer jünger. [4]

Man könnte fragen, warum die Problematik nicht anhand des Schicksals eines obdachlosen Kindes thematisiert wird. Das hat einen einfachen Grund. Die Regisseurin war schon seit längerer Zeit auf eine obdachlose Hamburgerin aufmerksam geworden. Sie war der Anstoß für Christiane Richers, sich mit Obdachlosigkeit zu befassen. Der Entschluß, ein Theaterstück dazu zu kreieren, lag nahe. Um dem Thema auf die Spur zu kommen, begannen die Regisseurin und die Schauspielerin Gesche Groth zu recherchieren:

Die ausführlichen Gespräche mit Frauen, die auf den Straßen der reichen Hansestadt Hamburg täglich um ihre Würde und ums Überleben kämpfen, waren für das gesamte Team schockierend, berührend und wirken in unsere Theaterarbeit unmittelbar hinein. Die Kemenate, ein wichtiger Anlaufpunkt für obdachlose Frauen, und die Obdachlosenzeitschrift Hinz und Kunzt haben uns dankenswerterweise mit den Frauen bekannt gemacht. Wir sprachen mit klugen, nachdenklichen Frauen, die wir niemals für obdachlos gehalten hätten. Das Theaterstück verdichtet all diese Frauen zu einer Theaterfigur, die Kindern hoffentlich ans Herz wachsen und zu Fragen auffordern wird. [5]

"Immer weiter" lautet der Titel des neuen Stücks, das am 8. Februar im FUNDUS Theater uraufgeführt wurde, und es ließe sich zweierlei dahinter vermuten. Gemeint sein könnte das unstete Umherwandern derer, die keine Bleibe haben, oder eine Aufforderung, "immer weiter" zu machen und nicht in dem Bemühen aufzugeben, einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Die Interpretation steht jedem frei und wurde auch durch die Aufführung nicht in eine Richtung festgelegt.

Daß die Premiere im FUNDUS Theater stattfindet, hat Tradition. Gerade mit diesem Thema fügt sich das Stück in seiner Mischung aus "Dokumentation, fantastischem Textentwurf und Großstadtsoundclash mit Filmeinspielungen" [5] besonders gut in das Konzept des Kinder- und Forschungstheaters ein, das sich als innovatives und zeitgemäßes Kindertheater versteht.


Hinter der Schauspielerin auf der Bühne stehen Wagen, vor ihr am Boden liegt, was sie für ihre Darbietungen benötigt - Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Szene aus dem Alltag einer obdachlosen Frau
Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Der Einlaß in den Kinosaal wird zelebriert. Ein riesiger Gong wird vor die Saaltür getragen, dann ertönt ein tiefer, altvertrauter Ton, und der Eingang wird freigegeben. Kinder und Erwachsene drängen in den Saal. Der Bühnenaufbau wirkt beklemmend. Das Bühnenbild wechselt nicht. Was dramaturgisch von Belang ist, befindet sich an seinem Platz. Bereits beim Eintreten der Theaterbesucher steht die Hauptdarstellerin Gesche Groth reglos auf der Bühne, im Hintergrund läuft ein Film, der Hamburgs Straßen zeigt und suggeriert, man würde selbst einen Stadtspaziergang unternehmen. Der zweite Akteur in diesem Stück, der Musiker Frank Wacks, untermalt die Anfangsszene mit melancholischem Geigenspiel. Er sorgt auch für die Sound-Effekte, die fester Bestandteil der Aufführung sind.

Im Publikum herrscht eine konzentrierte Aufmerksamkeit, kein Rascheln, kein Knistern - nur gebannte Erwartung oder leichte Skepsis. Diese Atmosphäre hält sich bis zum Schluß. Gesche Groth, Schauspielerin und Theaterpädagogin, übernimmt zwei Rollen. Als Maria mimt sie die obdachlose Frau, als Rita die begleitende Erzählerin. Ihr Rollenwechsel ist äußerlich durch eine Veränderung in ihrer Kostümierung zu erkennen. Als Maria trägt sie eine Mütze und Ohrenschützer, als Rita setzt sie beides ab.


Hinter der Erzählerin die vollbepackten Wagen und ein Fernseher mit laufendem Film - Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Erzählerin Rita am Mikrofon
Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Auf der Straße lebt Maria mit ihrer Habe, die vollständig in einen Trolli und eine Rolltasche, einen Einkaufs- und einen Kinderwagen paßt. Ihre Taschen könnte sie am Hauptbahnhof zur Aufbewahrung abgeben, aber sie hat all ihre Sachen stets lieber um sich. Auf vier Dinge achtet sie besonders: ihren Schlafsack, Toilettenpapier, Pfefferspray und eine Flasche Trinkwasser - das ist wichtig. Mit Flaschensammeln verdient sie sich ein bißchen Geld, das sie für Kaffee, ein Stück Seife oder Bratkartoffeln ausgibt. Außerdem lebt sie von dem wenigen Geld, das Passanten für ihre akrobatischen Kunststücke, die sie auf der Straße vorführt, in einen Becher werfen.

Mit dem Einblick in den Tagesablauf von Maria vermittelt sich ein Gefühl von Traurigkeit und Trostlosigkeit, das Widerspruch aufkeimen läßt - ein "Das geht doch nicht, daß Menschen so leben müssen!" Die bewegenden Momente des Rauswurfs aus der gemeinsamen Wohnung, die Trennung von ihrem Sohn und das traumatische Erlebnis des Wohnungsbrandes werden von Gesche Groth mit lautstarken Ausrufen und Anwürfen emotional und sehr dramatisch plaziert. Szenen wie diese wirken beängstigend, lassen Verzweiflung fühlbar werden.

Wenn Gesche Groth Maria verkörpert, bewegt sie sich steif, linkisch, spricht auffallend einfach: "Ja, den Michel, den mag ich, ja" oder "Mein Gehirn ist meine Möglichkeit, mein Gehirn ist meine Möglichkeit, nur so, nur so wird das was, das ist meine einzige Möglichkeit, jetzt oder jetzt - Nee, nee, nee, ich trinke keinen Alkohol mehr ...". Es sind diese Szenen, in denen das Stück Gefahr läuft, an den Rand der Klischeehaftigkeit zu geraten. Warum läßt Christiane Richers die obdachlose Frau so unbeholfen sprechen? Bedient sie damit das landläufige Vorurteil, daß obdachlose Menschen bereits Trinker, zu lange zu einsam und das Reden nicht mehr gewohnt sind, oder ist es der Versuch, den Kindern in einer möglichst einfachen Ausdrucksweise die Not der Frau nahe zu bringen? Denn auch die Figur der Erzählerin Rita formuliert ihre Erläuterungen klar und kindgerecht, dem angegebenen Alter von 8 Jahren angemessen, so daß die Inszenierung der Maria in Sprache und Gestus als dramaturgischer Kunstgriff verstanden werden kann, der die traurige Lage der obdachlosen Protagonistin hervorheben soll.


Maria schaut in den Spiegel und wischt sich über das Gesicht - Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Morgentoilette aus dem Koffer
Foto: © 2015 by Andreas Schwarz

Gesche Groth zieht das Publikum mit ihrem intensiven Spiel in den Bann. Als Maria versucht sie einen geregelten Tagesablauf zu führen, mit Morgentoilette, Frühstück im "Café mit Herz" und den geldeinbringenden Beschäftigungen, um nicht ganz aus dem Gleichgewicht zu geraten. Nachts sucht sie ihren geheimen Schlafplatz auf - den sie auf keinen Fall verrät, das ist sicherer. Nur eine Pappe dient als Bett. Sie hat sich von anderen Obdachlosen zurückgezogen, denn sie will sich nicht mehr zum Trinken überreden lassen. Sie weiß, daß sie ihren Sohn nur wiedersehen kann, wenn sie damit aufhört. Schließlich wird Maria sehr krank, überwindet ihre Scheu und sucht nach Hilfe, die sie an einem Ort für obdachlose Frauen findet. Hier erlebt sie zum ersten Mal wieder, wie es ist, ein Zimmer für sich allein zu haben, in Sicherheit zu sein. An diesem Ort und bei diesen Frauen erhält sie die Unterstützung, die sie für einen Neuanfang braucht.

Obgleich die Realität für die meisten Obdachlosen anders aussieht, zeigen die Reaktionen der kleinen Zuschauer, daß dieses Ende richtig gewählt wurde.

Noah (7 Jahre) antwortet auf die Frage: "Was hat dir an diesem Theaterstück gefallen oder auch nicht?"

Noah: "Daß das so ein Stück ist, was ein armes Leben beschreibt, aber wo auch Freude drin ist, das fand ich daran schön, also, ein armes Leben, aber trotzdem mit Freude. Und auch, daß sie eine Wohnung bekommt, das fand ich sehr schön."

SB: "Und hast du jetzt auch einen Eindruck davon, wie es obdachlosen Frauen auf der Straße ergeht?"

Clara (8 Jahre): "Ich finde, bei dem Stück kann man total viel lernen, weil, ich habe noch nie so richtig erfahren, wie Leute auf der Straße leben."

SB: "Da geht es dir nicht anders als vielen Erwachsenen, die auch nicht so gut Bescheid wissen."

Christiane Richers scheint das richtige Gespür für ihr junges Publikum zu haben: keine Überforderung, sondern Herausforderungen, die genommen oder übergangen werden können, je nach Interesse und Bereitschaft der Kinder.

In einem Interview mit dem Schattenblick äußert die Regisseurin ihre Hoffnung, daß Kinder, die dieses Stück sehen, sich erinnern und wissen, wenn sie einem Obdachlosen begegnen, daß er eine Geschichte hat, daß er jemand ist "wie du und ich, der nur bestimmte Sachen erlebt hat, die ihn dahin gebracht haben, auf der Straße zu leben". [6]

Das eindrückliche Spiel von Gesche Groth, die einfühlsame Musik von Frank Wacks und die oft sehr ausdrucksstarken Texte von Christiane Richers führten zu einer eigenwilligen Aufführung, die nachdenklich macht - nicht nur die kleinen, auch die großen Zuschauer. Und hatte man Zweifel an der Fähigkeit der Kinder, dem Stück konzentriert eine Stunde lang bis zum Schluß zu folgen, konnte man sich überraschen lassen, denn hier schien das Zuhören seinen Platz gefunden zu haben. Am Ende der Aufführung blieb es einen Moment lang ganz still - dann tobte ein nicht enden wollender Applaus los.

Mit "Immer weiter" wird das diesjährige Hamburger Kindertheater Treffen am Freitag, dem 20. März 2015, um 18:00 Uhr im FUNDUS Theater eröffnet. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, daß dieses Stück gezeigt wird.

"Immer weiter"
Mitwirkende:
Maria/Rita: Gesche Groth
Musiker: Frank Wacks
Text und Regie: Christiane Richers
Ausstattung: Marcel Weinand
Soundtrack und Kompositionen: Frank Wacks
Filmsequenzen: Andreas Schwarz
Regiemitarbeit: Morena Bartel


Eingang des FUNDUS Theaters - Foto: © 2015 by Schattenblick

Foto: © 2015 by Schattenblick


Anmerkungen:


[1] Von Christiane Richers wurde unter anderem inszeniert:
- Wie es uns gefällt - Mit Shakespeare durch St. Pauli
- Das ist Esther (Stück zu einer jüdischen Geschichte aus Hamburg und New York)
- Das besondere Leben der Hilletje Jans (von Ad de Bont)
- Mirad - ein Junge aus Bosnien (Geschichte einer Flucht aus den Wirren des Bosnien-Krieges)
- Der Sommer von Aviha (Geschichte der Tochter einer KZ-Überlebenden)

[2] http://www.bagw.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/

[3] http://netzfrauen.org/2014/12/20/obdachlose-jugendliche-tausende-kinder-einem-wohlstandsland-auf-der-strasse-wie-kann-das-sein/

[4] http://strassen-kinder.jimdo.com/info-deutschland/

[5] FUNDUS Theater Pressemappe, Seite 1

[6] Zitat aus dem Interview mit Christiane Richers


Interviews mit der Regisseurin Christiane Richers und der Schauspielerin Gesche Groth im Schattenblick unter
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INTERVIEW/022: "Immer weiter" - Mitgefühl und bühnenreif ...     Christiane Richers im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0022.html

INTERVIEW/023: "Immer weiter" - Gesten, Raum und Empathie ...     Gesche Groth im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0023.html

5. März 2015


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