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BERICHT/074: Bloody Niggers! Und haben wir dazugelernt? (SB)


Bloody Niggers!
von Dorcy Rugamba

Premiere am 10.11.2016 im Hamburger Sprechwerk


Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft oder irgendeiner andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. [...] Die Schwarzen sind sehr eitel, aber auf Negerart, und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen auseinandergejagt werden.
(Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Königsberg 1766)

Geschichten wiederholen sich. In bestimmten Etappen der Menschheitsgeschichte ist es uns zeitweise immer wieder gelungen, gesellschaftliche Zustände zu schaffen, in denen wir mit dem Gefühl leben können, anders - besser - zu handeln als frühere Generationen und Kulturen. Man könnte meinen, es seien besonders sensible und komplexe Strukturen, auf denen solche Hochzeiten der Einheit, Gleichheit, der florierenden Wirtschaft und Wissenschaft gründen. Aus Angst vor der Zerbrechlichkeit dieses Gebildes erschrickt man leicht im Angesicht des politischen Wandels, mit dem wir uns aktuell konfrontiert sehen. Wie konnte es dazu kommen, dass rechtspopulistische Parteien in ganz Europa mitregieren? Wie konnte es dazu kommen, dass die Amerikaner sich für diesen Präsidenten entschieden haben? Diese Fragen stellen wir uns am Abendbrottisch und sind uns schnell einig, dass diese Entwicklungen "wirklich schlimm" sind. Dabei haben wir schon vor langer Zeit die Entscheidung getroffen zu ignorieren, dass unser sensibles gesellschaftliches Konstrukt auf einem soliden Fundament aus Blut und Kadavern steht und dass die gebrüllten Gedanken der Populisten und die offenen Ohren, auf die sie stoßen, nicht etwa an unserer Gesellschaftsordnung rütteln. Vielmehr sind sie ein integraler Bestandteil dieser Ordnung. Was uns Angst macht, ist nicht der Zusammenbruch unserer schönen, freien Welt, sondern der Gestank des Leichenhaufens, der immer schwieriger mit dem Mantra "Ich bin aber anders ..." zu überdecken ist.

"Bloody Niggers!" findet seinen Einstieg mit einer Filmaufnahme des letzten republikanischen Präsidenten George W. Bush Junior. Mit einem Megaphon auf den Trümmern des World Trade Centers stehend verkündet er, die Verantwortlichen für diesen Anschlag würden Amerikas Schmerzensschreie schon sehr bald deutlich zu hören bekommen. Es beginnt eine neue Zeit, die des globalen Kriegs gegen den Terror, der bis heute weltweit rund 1,3 Millionen Opfer forderte. Dann wird es ruhig und eine Frau in einem weißen Leinenkleid tritt auf die Bühne. Nichts, was nun folgen soll, wird liebreizend sein. Nichts Freundliches, nichts Schönes und nichts Erdachtes kommt in dem Monolog vor, in dem sie antritt, dem Publikum eine Geschichtsstunde der anderen Art zu geben: Die Kreuzzüge der katholischen Kirche, die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus und das Töten der Indianer. Der Völkermord an den Herero und Nama in Namibia und die Menschenrechtsverletzungen der Franzosen in Algerien. Mit zielgerichteter, trockener Härte spuckt die Hauptdarstellerin, gespielt von Rana Farahani, dem Publikum einen Abriss der Geschichte unserer westlichen Gesellschaft ins Gesicht, der so ungeschönt in keinem Lehrbuch zu finden ist.


Hauptdarstellerin Rana Farahani mit erhobener Machete neben zwei weiteren Darstellern - Foto: © 2016 by Jérôme Kouadio

Foto: © 2016 by Jérôme Kouadio

Die Mittel, die auf der Bühne eingesetzt werden, sind minimal. Ein Schachbrett, auf dem ein sich stetig wiederholendes Spiel schwarz gegen weiß stattfindet, ein blutiger Lumpenhaufen. Dazu eine donnernde Begleitung mit verschiedenen Percussions und einer Vielfalt von Instrumenten durch den Musiker Dirk Achim Dhonau, die immer wieder die Rhythmen indigener Völker aufgreift und bewusst an den Nerven des Publikums zerrt. Im Zentrum steht jedoch der ewig scheinende Monolog, in dem sich Ereignis an Ereignis kettet. Akkurat an Daten und Zahlen orientiert geht es zunächst um die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner, die Geschichte der Sklaverei und die Tatsache, dass den Afrikanern eine einzigartige Behandlung zuteil wurde: die Entfernung aus der Gemeinschaft der menschlichen Rasse und die Degradierung zu einem Wesen niederer Art, das man nicht ausrottet, sondern wie ein Nutztier hält. Überdeutlich wird hier die Mitverantwortung der geisteswissenschaftlichen Eliten der europäischen Welt aufgezeigt. Kant, Darwin, Voltaire - sie alle spielten ihren Part in der Stigmatisierung der vermeintlich niederen "Rassen", die lange vor der Kolonialzeit begann und bis heute andauert. Bis zur Pause in dem weiträumig angelegten Stück, konnte sich das Publikum der Wucht der Fakten aber noch entziehen, doch dann schließt sich die Schlinge um den Hals der Zuschauer endgültig. Mit einem Zitat des Milliardärs Warren Buffet wird es deutlich ausgesprochen: Die Sicherheit, in der wir uns wiegen, ist ein Trugbild und der vermeintliche Schutz, der uns durch unsere Staatszugehörigkeit und unseren gesellschaftlichen Status zuteil wird, bietet im Angesicht der Gewalten, mit denen wir konfrontiert sind, kaum mehr Hoffnung als ein Schleuserboot auf dem Mittelmeer: "There's class warfare, all right, [...] but it's my class, the rich class, that's making war, and we're winning." (Warren Buffet im Interview mit Ben Stein in der New York Times, 26. November 2006)

Das Stück, das 2007 von dem rwandischen Autor und Theaterdirektor Dorcy Rugamba geschrieben wurde, hat in seiner Rohform keine Handlung, keine Rollen und keine Regieanweisungen. Rugamba überlebte 1994 den Genozid in Rwanda, in dem mindestens 500.000 Menschen abgeschlachtet wurden, darunter auch der Großteil seiner Familie. Er floh nach Frankreich und später Belgien, wo er 1999 mit dem mehrfach preisgekrönten Stück "Ruanda 94" sein Debut als Co-Autor und Darsteller gab. "Bloody Niggers!" ist der Ausdruck der Hilflosigkeit eines Mannes, der die Grausamkeiten erlebt hat, zu denen der Mensch fähig ist. Ein Mann, der über die Leichen seiner Freunde und Familie steigen musste, um in eine Welt zu fliehen, in der sich niemand dafür zu interessieren scheint. An den verhaltenen Reaktionen der Zuschauer war jedoch abzulesen, dass es dem Stück in seiner gesamten Bild- und Wortgewalt nicht unabweislich gelungen ist, den Finger auf die Wunde der Zuschauer zu legen. Die ganze Zeit über waren wir alle sichtlich bemüht, uns hinter unserer Betroffenheit und dem erlernten Gutmenschentum zurückziehen, um der grotesken, bildlichen Gewalt, die uns entgegengeschmettert wurde, auszuweichen. Das Stück ist der verzweifelte Versuch, die Menschen dazu zu bringen, zu sehen, was um sie herum geschieht, was ihre Geschichte ist und worauf ihr Wohlstand aufbaut. So verzweifelt, dass dem Autor nichts bleibt, als Gift und Galle zu spucken und zu versuchen, den Zuschauern das Lachen vom Gesicht zu reißen und ihnen keinen Fluchtraum zu lassen. Doch genau hier zeigt sich die Perfidität der Ignoranz unserer westlichen geistigen Elite: Obwohl dieser Aufschrei aus dem Abgrund so deutlich ist wie er nur sein kann, schafft er es nicht, sich diesen Raum zu nehmen und lässt die Beteiligten, zwar sichtlich mitgenommen von dem Bombardement, dass sie soeben erlebt haben, doch weitestgehend unreflektiert vom Haken.

Die Umsetzung durch die Regisseurin Isabelle McEwen ist nichtsdestotrotz großartig gelungen und die schauspielerische Leistung der Darsteller durchweg grandios. Das gesamte Ensemble hat hervorragende Arbeit geleistet, diese außerordentlich schwierige Vorlage zu einem wirkungsvollen Stück zu verarbeiten. Ihnen gelingt es, bei jenen, denen die Zahlen und Daten aus dem Stück keine Ruhe lassen, den Forscherdrang zu wecken, sich mit den unangenehmen Fakten unserer Geschichte und Gegenwart auseinander zu setzen. Besonders hervorzuheben ist die beeindruckende Leistung der Hauptdarstellerin Rana Farahani, die den gesamten Monolog mit Zitaten aus einer halben Bibliothek aus dem Gedächtnis rezitiert. Ihr freies Spiel mit komplexen Daten und Worten deutet darauf hin, dass ihrer Performance eine intensive innere Auseinandersetzung mit der Thematik vorangegangen sein muss. Damit sich Geschichten nicht wiederholen, müssen wir uns als Publikum aus der Rolle der Zuschauer herauswagen und in eine fundamentale Reflexion unseres eigenen Selbstverständnisses und unserer Wertegemeinschaft begeben.

Weitere Aufführungen gibt es am 19.11.2016, 02.12.2016, 03.12.2016, 20.01.2017 und 21.01.2017 jeweils um 20 Uhr.

14. November 2016


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