Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Presseinformation, 08.12.2025 - WSL News [1]
Wie viele Insekten fliegen am Himmel über den USA?
Rund 100 Billionen Insekten fliegen an einem Sommertag am Himmel über den USA, schätzen Forschende von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und aus den USA. Mit Hilfe von Wetterradaren haben sie erstmals die Menge der Fluginsekten über dem US-Festland abgeschätzt.
Obwohl im Luftraum Abermillionen von Lebewesen fliegen, fressen und sich fortpflanzen, ist dieser Lebensraum kaum erforscht. Insekten stehen durch den globalen Wandel und menschliche Aktivitäten weltweit unter wachsendem Druck. Wie sich das grossflächig auswirkt, ist schwierig abzuschätzen, weil die Insektenüberwachung bisher weitgehend auf wenige Arten und Orte beschränkt war.
Eine automatisierte, günstige und grossflächige Methode, sie im Luftraum zu überwachen, können Wetterradare sein, von denen viele Länder grosse Netzwerke besitzen. Sie "schauen" nach oben, um Wolken und Niederschlag zu beobachten, und "sehen" dabei auch alles andere, was dort fliegt. Algorithmen können daraus die Signale von Insekten herausfiltern, deren Flugmuster auf Radarbildern typische Spuren hinterlassen.
In den USA sind Wetterradardaten frei zugänglich. Das nutzten Elske Tielens von WSL und zwei US-Kollegen, um die weltweit erste Schätzung der Insektenmenge über dem US-Festland zu machen: An einem durchschnittlichen Sommertag fliegen gut 100 Billionen (1014) Insekten, die Millionen von Tonnen Biomasse umfassen, über den USA, berichten sie im Fachjournal Global Change Biology [2].
Diese Zahl war über die ausgewerteten zehn Jahre (2012 bis 2021) relativ stabil. Ein starkes Auf und Ab gab es aber auf regionaler Ebene - jeweils rund die Hälfte der Radare beobachtete eine Zu- respektive eine Abnahme der Insektendichte. Die Schwankungen hingen am stärksten mit den Wintertemperaturen zusammen: In Regionen, wo diese wärmer wurden, schrumpften die Insektenpopulationen am meisten. Der Lebenszyklus vieler Insekten - sei es Schlüpfen, Entwicklung oder Parasitenbefall - ist massgeblich durch die Temperatur reguliert.
Die Radarbeobachtung macht erstmals kontinentale Muster fliegender Insekten sichtbar und liefert eine einzigartige zehnjährige Zeitreihe. Es ist jedoch kein Allheilmittel: "Es ist wahrscheinlich, dass der stärkste Rückgang der Insektenpopulationen bereits in den 1970er- und 1990er-Jahren, also vor unserer Datensammlung, stattgefunden hat", sagt Tielens. Auch können die Radargeräte keine einzelnen Insektenarten erkennen. Untersuchungen am Boden zeigen aber, dass vor allem für Umweltveränderungen empfindliche oder seltene Arten verschwinden und häufige Arten zunehmen. "Es ist deshalb wichtig, Radardaten mit anderen Datenquellen - lokale Erhebungen, Citizen Science und so weiter - zu kombinieren", sagt Tielens.
Dennoch können Wetterradare dringend nötige Basisdaten der Insektenpopulation liefern, auf der zukünftige Zeitreihen aufbauen können. Insbesondere im globalen Süden gibt es viel weniger Erhebungen zur Insektenfauna als in Europa und Nordamerika. Und wenn ältere Radardaten mit neuen Rechenmodellen durchforstet werden, lassen sich vielleicht auch historische Veränderungen aufdecken, schreiben die Autorin und die Autoren. Nur in der Schweiz ist die Methode schwierig anzuwenden: viele Wetterradare stehen auf Bergrücken oder -gipfeln und Fluginsekten fliegen somit - buchstäblich - unter dem Radar.
Hinweis für Medienschaffende: Projekt INSECT
Noch bis 2026 läuft eine grosse Studie zur Insektenfauna in der
Schweiz. Von 2023 bis 2025 stellten Wissenschaftler/-innen
Insektenfallen auf landwirtschaftlichen Flächen, in Wäldern und
ungenutzten Lebensräumen auf, um zu verstehen, wie sich Landnutzung
und Klima auf Insektenpopulationen in der Schweiz auswirken. Nun
werden die Proben analysiert und mit denen von vor 20 Jahren
verglichen, um die grössten zukünftigen Bedrohungen zu erkennen und
den Naturschutz zu verbessern. Das Projekt ist eine Kooperation von
WSL, Agroscope, Infofauna, FibL und der Schweizerischen
Vogelwarte.
https://www.wsl.ch/de/projekte/insect-veraenderung-der-insektenfauna-in-der-schweiz/
Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten
Abbildungen der Originalpublikation:
• Ein Monarchfalter schwebt über einer pinken Blume. Im
Hintergrund ist ein blauer Himmel zu sehen.
Monarchfalter: So gut erforscht wie diese sind nur wenige
Insektenarten. (Foto: Elske Tielens)
• Ein großer Satellitenschüssel-Mast steht in einer
lichtdurchfluteten Kuppel. Die Schüssel ist auf einem stabilen,
zylindrischen Sockel montiert und ist an einem beweglichen
Steuerungsmechanismus befestigt.
Doppler-Wetterradar: Misst nicht nur die Entfernung, sondern auch die
Geschwindigkeit von Objekten - egal, ob Tornados oder Insekten. (Foto:
Elske Tielens)
• Die Karte zeigt die Verbreitung von Insekten in den USA,
farblich codiert. Dunkle Farben deuten auf eine geringe Insektenzahl
hin, während hellere Farben erhöhte Insektenpopulationen darstellen.
Der Farbverlauf reicht von schwarz (wenige Insekten) bis lila und
orange (viele Insekten).
Dichte von Fluginsekten an einem typischen Sommertag (25. August
2021). Die Farben zeigen die Anzahl Insekten pro Quadratmeter
vertikalen Luftraum an, hellere Farben zeigen höhere Dichten. Regen
ist schwarz dargestellt. (Grafik: © 2025 The Author(s). Global
Change Biology published by John Wiley & Sons Ltd)
Publikationen
Tielens E.K., Stepanian P.M., Kelly J.F. (2025) Systematic continental
scale monitoring by weather surveillance radar shows fewer insects
above warming landscapes in the United States. Glob. Chang. Biol.
31(11), e70587 (14 pp.).
https://doi.org/10.1111/gcb.70587
Institutional Repository DORA
https://www.dora.lib4ri.ch/wsl/islandora/object/wsl:42102
Projekte
HiRAD
Harmonizing and integrating radar-based approaches for monitoring
aerial biodiversity
https://www.wsl.ch/de/projekte/hirad/
Establishing a standardized monitoring system for aerial biodiversity -
birds, bats, and insects.
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[1] https://www.wsl.ch/de/ueber-die-wsl/news/news/
[2] https://doi.org/10.1111/gcb.70587
Beitrag mit Bildern:
https://www.wsl.ch/de/news/wie-viele-insekten-fliegen-am-himmel-ueber-den-usa/
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Quelle:
Presseinformation vom 08.12.2025
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Zürcherstrasse 111, CH-8903 Birmensdorf
Tel.: +41 44-739 21 11
E-Mail:
Allgemeine Anfragen: wslinfo(at)wsl.ch
Medien: media(at)wsl.ch
Internet: www.wsl.ch
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 12. Dezember 2025
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