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RECHT/088: Juristische Spitzfindigkeiten hebeln Naturschutzrecht aus - Geschützte Bäume werden gefällt (GLOBAL 2000)


GLOBAL 2000 / Friends of the Earth Austria - Presseaussendung, 18.11.2025

Juristische Spitzfindigkeiten hebeln Naturschutzrecht aus


Seit 2022 kämpft die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 gegen Schlägerungen in den niederösterreichischen Natura-2000-Gebieten Strudengau-Nibelungengau (Yspertal) sowie im Kamp- und Kremstal. Regelmäßig und unkontrolliert werden unter Schutz stehende, teils urwaldähnliche Buchen- und Mischwälder gefällt.

Ein aktuelles Urteil des Landesverwaltungsgerichts Niederösterreichs erschwert Umweltorganisationen das bereits zugesprochene Antragsrecht auf Naturverträglichkeitsprüfungen (NVP) in Europaschutzgebieten. Ebenso dürften dem Urteil zufolge Umweltorganisationen keine Schutzmaßnahmen in Natura-2000-Gebieten einfordern.

"Diese Entscheidung versucht die Rechte von Umweltorganisationen ganz offensichtlich zu umgehen und passt daher vorne und hinten nicht mit europäischen Naturschutzrecht zusammen. Daher wird die Sache möglicherweise auch bis zum Europäischen Gerichtshof gehen", erklärt Rechtsanwältin Michaela Krömer, die Global 2000 vertritt.

Freibrief für unkontrollierte Fällungen in Schutzgebieten

Geradezu absurd mutet die Begründung des Gerichts zur Ablehnung der Beschwerde von GLOBAL 2000 an: Der Antrag sei nicht zulässig, weil die Schlägerungen bereits in der Vergangenheit passiert seien. "Das ist in etwa so, als dürfe man die Feuerwehr nur rufen, bevor das Feuer ausbricht und nicht, wenn es schon brennt. Dann heißt es: Sorry, jetzt brennt es schon, da kann man eh nichts mehr machen", wundert sich Dominik Linhard, Biologe bei GLOBAL 2000. Hinzu kommt, dass Schlägerungen unter einem halben Hektar gar nicht gemeldet werden müssen. "So verschwinden scheibchenweise wertvolle Naturwälder, niemand erfährt davon, es werden keine NVPs durchgeführt und ist der Schaden bereits eingetreten, muss die Behörde auch nichts tun, um weitere Eingriffe in die Natur zu verhindern", ärgert sich Linhard.

Was auf dem Spiel steht

Diese alten Wälder sind besonders wertvoll, weil sie Lebensraum für zahlreiche Arten bieten: Große Vögel wie der Seeadler finden hier Ruheplätze. Das Totholz ist ein eigenes Mikro-Ökosystem von dem Fledermäuse, Spechte und Insekten wie der Hirschkäfer profitieren. Gleichzeitig speichern die Wälder große Mengen Kohlenstoff und regulieren den Wasserhaushalt, was sie zu wichtigen Verbündeten im Klimaschutz und gegen Hochwasser macht.

Nächster Schritt: Verwaltungsgerichtshof

GLOBAL 2000 zieht jetzt vor den VwGH. Es geht um eine Grundsatzentscheidung für den Schutz von Natura 2000 Gebieten und den Erhalt der letzten Naturwälder Österreichs. Behörden müssen derzeit Informationen über geplante forstliche Eingriffe nicht umfassend offenlegen und Umweltorganisationen dürfen Maßnahmen nach § 35 des Naturschutzgesetzes auch nicht verlangen. "Damit verstümmelt man den Naturschutz, macht Schutzgebiete praktisch wertlos und zeigt, welchen geringen Stellenwert diese Naturwälder in Niederösterreich haben", bringt es Linhard auf den Punkt. Er fordert: Zugang zu Informationen vor Eingriffen, das Recht, eine NVP einzuleiten, bevor Schutzgebiete zerstört werden und behördliche Maßnahmen, wenn Schäden passiert sind. "Naturschutz ist kein Spiel, bei dem wir erst eingreifen dürfen, wenn das Spielfeld bereits abgebrannt ist", bleibt Linhard kämpferisch.

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Quelle:
Presseaussendung, 18.11.2025
Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000
Neustiftgasse 36, A-70 Wien
Tel: +43/1/812 57 30, Fax: +43/1/812 57 28
E-Mail: office@global2000.at
Internet: www.global2000.at

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 21. November 2025

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