BUND MAGAZIN - 3/2025
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND
Friends of the Earth Germany
Gipskarst im Südharz
Bagger statt Biosphäre?
von Severin Zillich
Die Karstlandschaft Sachsen-Anhalts zählt zu den biologisch
reichsten Gebieten Deutschlands. Dennoch wird sie derzeit vom Bergbau
bedroht.
Über hundert Kilometer erstreckt sich der Südharzer Gipskarst, von Osterode in Niedersachsen durch Thüringen bis nach Sangerhausen in Sachsen-Anhalt. In den ersten zwei Bundesländern wird der Gips bereits großflächig abgebaut. Nun will der Bergbaukonzern Knauf auch im östlichen Teil des Karstgürtels baggern. Dagegen hat der BUND Sachsen-Anhalt erfolgreich geklagt.
Eigentlich ist die Umgebung von Hainrode bestens geschützt. Der idyllische Ort liegt mitten im Biosphärenreservat "Karstlandschaft Südharz". Mehr als ein Drittel dieser Modellregion ist als FFH- oder Vogelschutzgebiet ausgewiesen, ein Sechstel als Naturschutzgebiet. Dazu kommen elf Flächennaturdenkmale. Manche Biotope sind so gleich vierfach gesichert.
Der Höhenzug, den der Gipskarst hier bildet, ist überwiegend dicht mit Buchen bestanden, im waldarmen Sachsen-Anhalt schon an sich eine Besonderheit. Erdfälle, Bachschwinden, Felsabbrüche und Karstquellen verleihen ihm außerdem ein ganz eigenes Gesicht. Diesen in Mitteleuropa einzigartigen Lebensraum bewohnen allein 20 Fledermausarten. Auch botanisch ist der Gipskarst ungewöhnlich vielfältig. Bei einem Besuch im Mai blühen in einem Trockenrasen oberhalb von Hainrode Raritäten wie Frühlings-Adonisröschen, Waldanemone und Purpur-Knabenkraut.
Warum ist ein so eindeutig geschützter Naturraum nicht einfach tabu? Offenbar muss ein Konzern nur üppigen Profit wittern und Arbeitsplätze versprechen, damit Landesregierung und Landrat ihm zu Diensten sind. Im September 2024 macht Hainrodes Bürgermeister bei einer Infoveranstaltung öffentlich, dass die Knauf Gips KG mehrere Probebohrungen plant. Damit will sie den Abbau von Naturgips auch in Sachsen-Anhalt einleiten.
Um das zu verhindern, gründet sich direkt im Anschluss die Bürgerinitiative "Pro Südharz". Unterstützung findet sie u.a. beim BUND und bei Betroffenen des Gipsabbaus im übrigen Südharz (wie dem BUND in Nordhausen). Ihr Sprecher ist der Hainröder Daniel Reineberg: "Wir können inzwischen auf 120 Aktive zählen. Unsere Petition für den Schutz des Gipskarstes haben über zehntausend Leute unterzeichnet. Mit so viel Widerstand hat hier niemand gerechnet."
Gleichwohl genehmigt der Landkreis Mansfeld-Südharz am 9. Dezember sieben Erkundungsbohrungen. Sofort legt der BUND Sachsen-Anhalt Widerspruch ein. Weil das Verwaltungsgericht Halle die Genehmigung für teilweise rechtmäßig erklärt, bemüht er die nächsthöhere Instanz und wird am 14. Februar voll bestätigt. Das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg stoppt die Erkundung - nachdem Knauf schon zweimal gebohrt hat.
Im Urteil heißt es, der Landkreis habe den Schutzzweck des Gebietes vernachlässigt. So seien weder die Fledermäuse ausreichend erfasst noch die Folgen für das unterirdische Höhlensystem untersucht worden. Auch das vom Kreis behauptete "öffentliche Interesse" verwirft das Gericht. Es sei ungewiss, ob ein Gipsabbau hier überhaupt zulässig sei. Für Christian Kunz, Landesgeschäftsführer des BUND, ist zentral, "dass das Gericht einen Gipsabbau für voraussichtlich nicht genehmigungsfähig hält".
Warum erfährt Knauf dennoch politischen Zuspruch? "Unsere Region wurde nach der Wende komplett deindustrialisiert", so Daniel Reineberg. "Seit 1989 gibt es im nahen Sangerhausen kein verarbeitendes Gewerbe mehr. Viele Menschen haben die Region verlassen. Wer da Wertschöpfung und Arbeitsplätze verspricht, stößt auf offene Ohren."
Das Milliardengeschäft mit dem Gips versucht Knauf auf jede Weise zu fördern: mit politischen Hinterzimmergesprächen, regem Sponsoring und Marketing in der Region, mit Kinderfesten und anderem mehr. Gegen diesen Goliath geben die BI und der BUND den unerschrockenen David. Sie beharren darauf, dass der gesetzliche Naturschutz beachtet wird. Sie pochen auf eine nachhaltige Wertschöpfung, die dem Geist dieses Biosphärenreservates entspricht, mit sanftem Tourismus etwa. Sie bieten regelmäßig Wanderungen in das Karstgebiet an. Und sie werben für Alternativen zum Naturgips.
Noch ist der Kampf nicht gewonnen: Landrat und Landesregierung planen
ein "Vorranggebiet zur Rohstoffsicherung" auszuweisen und so den
Gipsabbau zu ermöglichen. Der BUND hält mit guten Argumenten dagegen -
und wird notfalls erneut klagen.
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GIPS RECYCELN!
Einen Großteil ihres Gipsbedarfes deckt die Baubranche bisher mit REA-
Gips. Gewonnen wird er bei der Rauchgasreinigung von Kohlekraftwerken.
Weil diese Quelle im Zuge des Kohleausstiegs absehbar versiegt, gerät
Naturgips in den Fokus. Der BUND fordert mehr Gips zu recyceln - die
deutsche Quote liegt mit unter fünf Prozent weit niedriger als etwa in
Skandinavien - und auf umweltverträglichere Baustoffe und Chemiegipse
zu setzen.
Ende Texteinschub
Originalpublikation mit Bildern:
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/bundmagazin/BUNDmagazin-3-25.pdf
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Quelle:
BUND MAGAZIN 3/2025, Seite 26-27
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Friends of the Earth Germany
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