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SCHUTZGEBIET/929: Artenreich - Das FFH-Gebiet "Ehemaliger Standortübungsplatz Ebern und Umgebung" (BUND MAGAZIN)


BUND MAGAZIN - 1/2025
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND
Friends of the Earth Germany

Unterfranken
Artenreich

von Severin Zillich

Zwischen Bamberg und Coburg liegt die Kleinstadt Ebern, und nebenan ein altes Militärgelände. Wohl nirgendwo sonst in Deutschland wurden bisher so viele verschiedene Tiere, Pflanzen und Pilze gefunden.


Kaum glaubliche 12500 Arten hat der BUND-Spezialist Klaus Mandery schon auf dem einstigen Standortübungsplatz dokumentiert. Und jede Woche werden es mehr. Dabei wirkt das Gelände auf den ersten Blick eher unauffällig. Keine Spur von spektakulärer Natur, wie sie manche Nationalparks bieten. Da unsere Exkursion an einem trüben Novembertag stattfindet, ist die Erwartung sowieso eher gedämpft. Dann aber blitzt auf einer unscheinbaren Wiese eine erste Idee davon auf, was die Vielfalt dieses 256 Hektar großen FFH-Gebiets auszeichnet.

Wovon sprechen wir, wenn es um Biodiversität geht, also biologische Vielfalt? An wenigen Orten dürfte das anschaulicher werden als in einem Zweckbau am Rande von Ebern. In der früheren Kaserne hat der langjährige Vorsitzende der BUND-Kreisgruppe Hassberge mehrere Räume gemietet. Mit ihm ist eine Handvoll Biolog*innen am Werk, im "Institut für Biodiversitätsinformation IfBI" (siehe Kasten). Systematisch sind sie hier auf Artensuche, werten unter dem Mikroskop Wasser- und Bodenproben aus oder den mit Alkohol konservierten Inhalt einer Insektenfalle.

HAUTFLÜGLER UND MEHR

Im angrenzenden Lager sowie im Keller stapeln sich Styroporplatten, auf denen unzählige (meist) winzige Fliegen, Käfer, Wespen oder Bienen fixiert sind. Auch historische Sammlungen aus privater Hand bewahrt Klaus Mandery auf, etwa von Schmetterlingen und Käfern aus der Region. Abertausende Kleintiere gilt es noch zu sichten und zu bestimmen.

Nicht wenige erkennt der promovierte Biogeograph selbst. Vor allem die riesige Gruppe der Hautflügler hat es ihm angetan, speziell die Wildbienen und Wespen. Rosi aber, seine bislang prominenteste Entdeckung, ist kein Hautflügler. Er fand sie auch nicht in einem Schälchen mit Alkohol, sondern quicklebendig auf einer Rose im Schutzgebiet.

RETTET ROSI

Womöglich lag es ja daran, dass Klaus Mandery an jenem Frühlingstag im Jahre 2011 die Sorge um sein Arbeitsgerät kurz vernachlässigte. Er zog den Kescher durch einen Dornenstrauch. Im Netz krabbelten daraufhin sieben dunkle Wanzen. Nach einigem Rätselraten entpuppten sie sich als Exemplare einer in Mitteleuropa schon lange verschollenen Art: der Essigrosen-Dickfühlerweichwanze. Ob ihres sperrigen Namens taufte er sie schlicht Rosi.

Seit 2020 fördert das Bundesamt für Naturschutz das Projekt "Rettet Rosi". Gemeinsam mit der Uni Würzburg erkundet das IfBI die wärmeliebende Wanze. Wie kann sie sich hier halten und möglichst wieder ausbreiten? Der Schutz ihrer Lebensräume kommt vielen Arten zugute. Zwar prägen in Ebern - wie überall - die Insekten das Artenspektrum. Doch auch andere Organismengruppen erweisen sich als erstaunlich zahlreich.

SAFTLINGE UND WIESENKEULEN

Und damit zurück zu der Wiese, die wir an diesem Novembertag begehen. Schon nach wenigen Metern müssen wir auf jeden Schritt achten. Im Gras leuchten grüne, gelbe und rote Pilze, die wir nicht zertreten wollen - Saftlinge, begleitet von Wiesenkeulen in schwarz und gelb.

Der Lebensraum dieser Pilzgemeinschaft, eine magere Flachland-Mähwiese, ist sehr selten geworden. Mitsamt den Espen- und Kiefern-Rotkappen, die wir so spät im Herbst noch am Wiesenrand bei ihren Wirtsbäumen finden, bilden sie einen winzigen Ausschnitt der über 1600 Pilzarten im Gebiet. Um diese und andere Artengruppen möglichst vollständig zu erfassen, pflegen Klaus Mandery und seine Fachleute internationale Kontakte.

KENNTNIS UND AUSDAUER

So spürte ein auf Parasiten spezialisierter Kollege gerade erst eine Professorin aus Tel Aviv auf, die sich mit Gallmücken auskennt. Koryphäen wie sie zieht er auch zu Rate, um die Ergebnisse seiner Artenbestimmung über DNA-Metabarcoding zu überprüfen. Damit lassen sich Arten allein anhand genetischer Spuren ermitteln, im Wasser, im Boden oder in der Luft.

Selbstredend gibt es in Ebern auch so populäre Arten wie Wildkatze, Biber, Rebhuhn, Heidelerche oder Gelbbauchunke. Wer aber die Lebenswelt in ihrer Gänze beschreiben will, muss sich dem Kosmos der Insekten widmen. Ganz wichtig, so Mandery, seien dafür gute botanische Kenntnisse; denn die Vielfalt der Pflanzen bestimme die der Insekten. Und Geduld brauche es. Etliche Arten würden erst nach Jahren in einer Falle landen.

ZWEIMAL BUND

Was erklärt nun die riesige Artenzahl im Schutzgebiet? Hauptsächlich wohl die Ausdauer und Akribie, mit der Mandery und seine Verbündeten seit Jahrzehnten wirklich alles erforschen, was hier kreucht und fleucht. Für den pensionierten Lehrer wiederum ist die reichhaltige Struktur des Gebietes das A und O. Sie verdankt sich zwei Umständen: der Präsenz der Bundeswehr bis 2004, die das Gelände offenhielt und vor zu intensiver Nutzung bewahrte. Und dem enormen Einsatz der BUND-Aktiven für dessen Naturschätze, schon vor und speziell seit Abzug des Militärs.

Fast nämlich wäre hier ein Tummelplatz für Offroad-Fans entstanden. Wie es der Kreisgruppe gelang, den Motorsport per Gericht fernzuhalten, das Areal 2011 als FFH-Gebiet zu sichern und seine Vielfalt mittels Forschung und Landschaftspflege zu fördern, ist online ausführlich beschrieben (siehe Link unten*).

Schon jetzt ist klar: All den Einsatz war es wert. Klaus Mandery hofft noch mehr Arten zu entdecken. Und er will das Fest zum Ende des "Rettet Rosi"-Projekts im Mai als Anschub für seine neueste Idee nutzen: ein Erlebniszentrum gleich am Eingang des Schutzgebiets, das dessen ungeahnte Vielfalt gekonnt präsentiert.

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Das Institut für Biodiversitätsinformation e.V. (kurz: IfBI) gründete Klaus Mandery 2006 mit Studierenden und BUND-Aktiven. Es soll "das Wissen über die Vielfalt der Arten und der Lebensräume verbessern und alle Mitmenschen an diesem Wissen teilhaben lassen". Ein Fokus liegt auf dem Schutz von Schwebfliegen und Wildbienen. Mit Erhebungen im Gelände, Workshops und Vorträgen ist das Institut bayernweit aktiv.

www.ifbi.net
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Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:
  • Klaus Mandery mit einer Espen-Rotkappe. Oben das einstige Militärgelände im Frühling
  • Purpur-Knabenkräuter, im Hintergrund Ebern
  • Der Kirschrote Saftling ist eine von zehn zumeist hochgradig gefährdeten Saftlingsarten im Gebiet.
  • "Rosi" an ihrer Wirtspflanze, der Essigrose.
  • Das FFH-Gebiet "Ehemaliger Standortübungsplatz Ebern und Umgebung"



* www.bund-naturschutz.de/ebern

Originalpublikation mit Bildern:
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/bundmagazin/BUNDmagazin1-25pdf.pdf

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Quelle:
BUND MAGAZIN 1/2025, Seite 26-27
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Friends of the Earth Germany
Kaiserin-Augusta-Allee 5, 10553 Berlin
Tel. 030/27586-457, Fax. 030/27586-440
E-Mail: redaktion@bund.net
Internet: www.bund.net/bundmagazin
 
Das BUNDmagazin ist die Mitgliederzeitschrift
des BUND und erscheint viermal im Jahr

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 19. Dezember 2025

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